Der Friedhof den niemand sieht — und der Mann der Ghana rettete

Remo Kurka - (Das obere Foto: Das Grab einer Katholischen Nonne) Ich war dreimal dort. Einmal im September 2019 und zweimal Ende 2026. Dreimal dasselbe Bild: Überwuchertes Gras, umgekippte Grabsteine, Inschriften die von Flechten überzogen sind bis zur Unlesbarkeit. (Der Eingang sogar noch viel Schlechter) Ein Friedhof der langsam in sich selbst versinkt, nicht weit vom meistbesuchten Denkmal Ghanas entfernt — Cape Coast Castle liegt in Sichtweite.
Niemand schaut hierher.
Das ist das Erste was ich sagen muss: Der 1824 Kriegsfriedhof von Cape Coast ist einer der erschütterndsten Orte, die ich in Ghana besucht habe. Nicht wegen seiner Größe — es ist kein Schlachtfeld. Nicht wegen seiner Bekanntheit — er hat keine. Sondern weil er so vollständig vergessen ist. Weil unter dem Unkraut eine Geschichte liegt die niemand erzählt, über Menschen die niemand erinnert, an einem Ort für den sich niemand zuständig fühlt.
Das ändern wir heute.

Teil der 1824 Grabpyramide, mit den Toten der verschiedenen Regimenter. Genauere Beschreibung auf der 1824 War Cemetery Webseite. (Englisch)
(c) Remo Kurka
1824 — Das Jahr das alles begann
Der Friedhof trägt das Jahr 1824 in seinem Namen, und das ist kein Zufall. 1824 war das Jahr der ersten großen Anglo-Ashanti-Konfrontation in der Geschichte der Goldküste.
Gouverneur Sir Charles MacCarthy — der britische Gouverneur der Goldküste, ein ehrgeiziger irischer Offizier der Napoleonischen Kriege — marschierte mit einer Truppe britischer Soldaten und lokaler Verbündeter gegen die Ashanti. Er war überzeugt, die Ashanti schnell zurückzudrängen und die britische Kontrolle über das Landesinnere auszudehnen.
Am 21. Januar 1824 trafen die Truppen bei Nsamankow aufeinander. Was folgte, war eine der größten Niederlagen der britischen Kolonialgeschichte in Westafrika. Die Ashanti-Armee war größer, besser positioniert und taktisch überlegen.
MacCarthy wurde getötet — sein Kopf, so die Überlieferung, wurde als Trinkschale verwendet, sein Herz von Ashanti-Kriegern gegessen um seine Mut zu übernehmen, sein Schädel nach Kumasi gebracht wo er für Jahre als Kriegstrophäe diente.
Die Überreste jener die in diesem Feldzug starben — und jene die in den Jahren danach an Krankheiten, Fieber, Erschöpfung auf der Goldküste starben — wurden in Cape Coast begraben. Auf dem Friedhof der heute hinter überwuchertem Gras verborgen liegt.
Das MacCarthy-Denkmal ist noch sichtbar — eine kleine Pyramide aus Stein, 1826 errichtet, für den besiegten Gouverneur. Es ist eines der ältesten kolonialen Denkmäler Ghanas. Es steht und fault.
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Grabstein auf dem 1824 Kriegsfriedhof, Cape Coast, Ghana. Die genaue Beschreibung ist auf der 1824 War Cemetery Webseite.
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Wer hier liegt — die erschütternde Vielfalt der Toten
Das ist das was mich bei meinen Besuchen am meisten getroffen hat: wer hier eigentlich liegt.
Das ist kein rein militärischer Friedhof. Es ist kein rein britischer Friedhof. Was sich im Laufe der Jahrzehnte hier angesammelt hat — von 1824 bis ungefähr 1905 — ist ein Querschnitt durch die koloniale Gesellschaft der Goldküste: die Herrschenden und die Dienenden, die Glaubenden und die Händelnden, die Euroäpischen und die Lokalen, die Alten und die erschreckend Jungen.
Britische Soldaten — von den regulären Regimentern, aber auch von den West India Regiments, den schwarzen Kolonialeinheiten die Großbritannien aus der Karibik rekrutierte und an die Goldküste schickte. Männer die oft nicht im Kampf starben, sondern an Malaria, Ruhr, Gelbfieber — den unsichtbaren Feinden, gegen die kein Regiment eine Taktik hatte.
Kolonialbeamte — Gouverneure, Händler, Richter, Vermesser. Menschen die mit dem Projekt des Britischen Imperiums hierher kamen, manche mit Überzeugung, manche nur wegen des Gehalts, und von denen viele das Klima nicht überlebten.
Ein Deutscher — ein einzelner Grabstein mit deutschem Namen, ein Zeuge dafür dass die Goldküste kein rein britisches Projekt war sondern ein Treffpunkt europäischer Unternehmungen und Abenteurer.
Irische Nonnen — Ordensfrauen die im 19. Jahrhundert nach Cape Coast kamen um katholische Schulen und Krankenhäuser aufzubauen. Sie kamen aus Irland und Frankreich, jung und voller Glauben, und viele von ihnen starben innerhalb von Monaten oder wenigen Jahren auf der Goldküste. Das Klima tötete sie schneller als es ihre Gemeinden aufbauen ließen.
Und dann — das ist das was mich sprachlos gemacht hat: Schulkinder. Afrikanische Jungen, sieben, acht, neun Jahre alt, in den frühen Schulen der Missionare ausgebildet und gestorben. Ihre Grabsteine, wo noch lesbar, nennen ihr Alter mit einer Selbstverständlichkeit die erschüttert: "Aged 7 years." Kinder. Halbe Kinder. Verscharrt auf einem Friedhof den heute keiner mehr besucht.

Grabstein eines Deutschen auf dem 1824 Kriegsfriedhof, Friedrich Georg Rehbein. Cape Coast, Ghana
Die Katholische Kirche und ihre bequeme Stille
Ich sage das direkt, weil es gesagt werden muss: Die Katholische Kirche in Ghana trägt eine Mitverantwortung für den Zustand dieses Friedhofs, die sie bis heute nicht angenommen hat.
Die Nonnen und Missionare die hier begraben liegen haben die katholische Kirche in Ghana aufgebaut. Ohne diese Frauen — ohne ihre Arbeit in Schulen und Krankenhäusern, ohne ihr Opfer im wahrsten Sinne des Wortes — wäre die katholische Kirche in Ghana heute eine andere, kleinere, weniger verwurzelte Institution.
Und diese Frauen liegen auf einem Friedhof mit Unkraut bis zu den Oberschenkeln, mit Grabsteinen die umgekippt sind, mit Inschriften die von der Zeit gefressen werden.
Die Erklärung ist einfach und zynisch: Es passt nicht ins Bild. Eine Erzählung die Nonnen als Opfer des Klimas und der Umstände zeigt — als junge Frauen die für ihren Glauben starben und deren Gräber heute vergessen sind — erzeugt unbequeme Fragen. Über Kolonialmission und ihre Ambivalenz. Über die Instrumentalisierung von Glaube für imperiale Projekte. Über die Frage, wer eigentlich profitierte von dem was diese Frauen aufbauten.
Einfacher ist Schweigen.
Das Schweigen ist nicht in Ordnung.
UNESCO und GMMB — Verantwortungslosigkeit mit System
Der Friedhof steht auf keiner offiziellen Erhaltungsliste. Nicht von UNESCO, nicht vom Ghana Museums and Monuments Board. Dabei liegt er in Gehweite von Cape Coast Castle — einem UNESCO-Welterbe, das Millionen in Restaurierung und Tourismus erhält.
Das GMMB, das für die Pflege historischer Stätten in Ghana zuständig ist, hat diesen Friedhof schlicht nicht auf dem Radar. Kein Budget, keine Arbeitskräfte, keine Dokumentation. Die einzige systematische Dokumentation die im Jahr 2025 existiert, stammt nicht von einer Behörde oder Institution — sie stammt von einem einzigen Privatmann mit einer Kamera und dem Willen zu verstehen was er vor sich sieht.
Das ist das Paradox: Der Friedhof hat enormes touristisches Potenzial. Er liegt neben dem meistbesuchten Ort Ghanas. Er hat eine Geschichte die jeden Besucher von Cape Coast Castle fesseln würde. Er hat Geschichten von Soldaten und Nonnen, von Kindern und Händlern, von einer deutschen und einer irischen Präsenz, von der Vielfalt des kolonialen Cape Coast — Geschichten die man in keinem Museum hört und auf keiner offiziellen Tour erzählt bekommt.
Aber niemand tut etwas.

Das Grab von Sey zeigt: Dem kolonialen System standen Afrikaner gegenüber, die mit Intelligenz, Mut und wirtschaftlicher Macht handelten — und gewannen. (c) Remo Kurka
Jacob Wilson Sey — der Mann am Rand des Friedhofs
Nicht weit vom Kriegsfriedhof, nahe dem Cape Coast Town Hall, liegt ein anderes Grab. Kleiner, unscheinbarer, ebenfalls nicht gut gepflegt.
Es ist das Grab von Jacob Kwaw Wilson Sey — dem ersten Millionär der Goldküste, dem ersten Millionär Schwarzafrikas überhaupt, und dem Mann der Westafrika vor dem kolonialen Landraub rettete.
Seine Geschichte beginnt in Armut. Sey wurde 1832 in Biriwa, einem kleinen Fischerdorf nahe Anomabo, in eine arme Familie geboren. Kein Schulabschluss, keine formale Bildung, kein Kapital. Er arbeitete als Zimmermann wie sein Vater, verkaufte Palmwein am Straßenrand, baute schließlich Särge — und wurde dafür bekannt als Kwaa Bonyi, der humorvolle Sargtischler. Menschen liebten ihn. Sein Witz war legendär. Seine Särge verkauften sich.
Und dann fand er Gold.
Die Geschichte seines Goldfundes ist Teil Realität, Teil Überlieferung. Es heißt, er sei auf einer Expedition zum Palmweinzapfen in den Wald gegangen, gestürzt, bewusstlos geworden — und in diesem Zustand habe ihm ein Geist erschienen der ihn anwies, den gefundenen Reichtum für sein Volk zu nutzen. Was er fand, waren Goldnuggets in einer Menge die sein Leben vollständig veränderte.
Manche sagen, es könnte ein vergrabener Schatz des Denkyira-Imperiums gewesen sein — jenes mächtigen Akan-Königreiches das im frühen 18. Jahrhundert von den Ashanti besiegt wurde und dabei möglicherweise Gold versteckte das nie wieder gefunden wurde, bis Sey zufällig darüber stolperte. Das ist Spekulation — aber keine unplausible.
Was feststeht: Sey wurde stinkreich. Multimillionär. Der reichste Mann an der gesamten Goldküste.
Und er verwendete diesen Reichtum nicht für sich.
Das Schiff nach London — und die Rettung der Länder
In den 1890er Jahren beschlossen die Briten, den letzten Schritt zu tun. Das Crown Lands Bill von 1894 und die Lands Bill von 1897 sollten alles "ungenutzte" Land der Goldküste unter britische Kronkontrolle stellen. Was das bedeutete, war jedem klar: Traditionelles Landrecht würde abgeschafft, afrikanische Gemeinschaften würden ihre Böden verlieren, die Goldküste würde eine Siedlungskolonie nach südafrikanischem Muster werden.
Jacob Wilson Sey, obwohl Analphabet, verstand das Ausmaß dieser Bedrohung besser als die meisten seiner gebildeteren Zeitgenossen. Er gründete die Aborigines' Rights Protection Society — die Schutzgesellschaft für einheimische Rechte — und wurde ihr erster Präsident.
Dann tat er etwas das so kühn war, dass es noch heute kaum glaubwürdig klingt: Er bezahlte alles aus eigener Tasche. Das Schiff nach England — er mietete die Alba für die gesamte Überfahrt. Die Londoner Anwälte der Kanzlei Messrs. Ashurst, Crips Co. Die Unterbringung und Verpflegung der Delegation. Tausende von Pfund, nur aus seinem eigenen Vermögen.
Am 24. Mai 1898 traf die Delegation in England ein. Sie wurden empfangen — bei Queen Victoria, und bei Joseph Chamberlain, dem Kolonialminister, in der Downing Street. Die Petition, unterschrieben von 15 Königen und über 64 Chiefs aus der Central und Western Region, wurde übergeben.
Die Delegation kehrte zurück mit einem Brief der Königin. Das Lands Bill wurde abrogiert.
Das war nicht nur ein ghanaischer Sieg. Das Präzedenzrecht das damit geschaffen wurde, schützte auch das Land von Nigeria, Sierra Leone und Gambia. Es verhinderte, wie Historiker später schrieben, eine mögliche Apartheid in Westafrika. Ohne Jacob Wilson Sey wäre die Geschichte des gesamten anglophonen Westafrika eine andere, wahrscheinlich blutigere gewesen.
Er bekam dafür kein Denkmal das seinen Namen trägt. Er bekam kein nationales Gedenken. Er bekam einen Grabstein nahe dem Cape Coast Town Hall, neben dem Grab seiner Frau Agnes Charlotte Morgue.
Was diese zwei Orte zusammen erzählen
Wer Cape Coast besucht und nur das Castle sieht, sieht die bekannteste Geschichte. Wer den Kriegsfriedhof und das Grab von Jacob Wilson Sey besucht, sieht die vollständigere Geschichte.
Der Friedhof zeigt: Die Kolonialmacht hatte ein menschliches Gesicht — britische Soldaten die an Fieber starben, irische Nonnen die ihren Glauben mit dem Leben bezahlten, afrikanische Schulkinder die zu jung waren um zu sterben und zu klein um erinnert zu werden.
Das Grab von Sey zeigt: Dem kolonialen System standen Afrikaner gegenüber, die mit Intelligenz, Mut und wirtschaftlicher Macht handelten — und gewannen.
Beide Geschichten brauchen einen Ort der sie bewahrt. Beide Orte brauchen Pflege, Aufmerksamkeit, Besucher. Beide verdienen mehr als das Unkraut das sie gerade überwächst.
Wie du hinkommst — und was du erwartest
Beide Orte liegen in Cape Coast, fußläufig vom Castle entfernt. Der Kriegsfriedhof ist noch nicht offiziell für den Tourismus erschlossen — es gibt keinen offiziellen Eingang, kein Ticket, keine Führung. Was es gibt, ist ein Ort der wartet.
Wer ernsthaft hinmöchte, nimmt Kontakt auf über die Webseite warcemetery.capecoastcastle.com — das einzige Online-Archiv das diesen Ort dokumentiert, mit Originalfotografien und Gravstein-Transkriptionen die sonst nirgendwo existieren.
Das Grab von Jacob Wilson Sey liegt gleich Linkehand von dem 1824 Kriegsfriedhof. Dort bererdigt, mit seiner Frau, und dem Cape Coast Town Hall — frag lokale Guides, die meisten kennen das Grab.
Bring Zeit mit. Bring Geduld. Und bring den Willen, eine Geschichte zu hören, die dir niemand auf der offiziellen Tour erzählt.
Interne Verlinkungen:
- → Cape Coast Castle — Die unbequeme Wahrheit über den Sklavenhandel
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