Fort Batenstein und König Badu Bonsu II — Die Geschichte, die die Niederlande 170 Jahre lang versteckt haben

Remo Kurka - Es gibt Geschichten, die so stark sind, dass man sich fragt, warum man noch nie von ihnen gehört hat. Die Geschichte von König Badu Bonsu II, dem letzten souveränen Herrscher der Ahanta, ist so eine Geschichte. Ein König der kämpfte. Ein König der verraten wurde. Ein König der hingerichtet und dann geköpft wurde — und dessen Kopf danach 170 Jahre lang in einem Glasglas voller Formaldehyd in einem niederländischen Universitätsinstitut stand.
Und der dann zurückkehrte.
Ich stehe auf dem Hügel über dem kleinen Fischerdorf Butre, die westafrikanische Küste unter mir, der Atlantik dahinter, und denke: Diese Treppen hier — diese alten, ausgetretenen Steinstufen die hinauf zum Fort führen — diese Stufen hat er hochgehen müssen. Als Gefangener. Als verurteilter Mann. Zum letzten Mal.
Das ist Fort Batenstein. Und das ist seine Geschichte.

Das Fort Batenstein - Kaum zu sehen, duch die vielen Pamen, obwohl das Fort ganz Oben ist.. (c) Remo Kurka, Ghana
Ein Fort das niemand kennt — und eine Geschichte die jeder kennen sollte
Fort Batenstein liegt nicht auf den üblichen Touristenpfaden. Während Cape Coast Castle und Elmina jährlich tausende Besucher empfangen, liegt Butre still und kaum beachtet an der westghanaischen Küste, etwa sechzig Kilometer westlich von Takoradi. Ein kleines Dorf, ein schmaler Strandstreifen, ein bewaldeter Hügel — und auf diesem Hügel, halb von der Vegetation zurückerobert, die Ruinen eines holländischen Forts aus dem Jahr 1656.
Die Holländer bauten Fort Batenstein strategisch gut — auf einem steilen Hügel mit Blick auf das Meer, auf die Bucht von Butre, auf die Handelsrouten an der Küste. Elf Kanonen, ein Innenhof, Lagerhäuser, Wohnräume für die kleine Garnison. Klein verglichen mit Elmina, aber gut positioniert. Zeitgenossen schrieben, das Fort zittere wenn die Kanonen abgefeuert wurden — ein Zeichen für die nicht ganz solide Bauweise auf dem Felsuntergrund.
Für das Fort wurde am 27. August 1656 der Vertrag von Butre unterzeichnet — ein Abkommen zwischen den Holländern und den Ahanta, das ursprünglich als gegenseitige Schutzvereinbarung gedacht war. Die Holländer sollten die Ahanta schützen, die Ahanta sollten den Holländern Handelsrechte gewähren.
Zweihundert Jahre später, 1838, wurde in diesem Fort ein König hingerichtet. Und danach der Vertrag, der das Bündnis besiegelt hatte, zur bittersten Ironie der Geschichte.
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Der Eingang zum Fort Batenstein - Im Hof von Fort Batenstein, unter der tropischen Sonne des 27. Juli 1838, wurde König Badu Bonsu II gehängt. (c) Remo Kurka, Butre
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Die Ahanta — ein Volk das nicht knien wollte
Um zu verstehen was in Butre geschah, muss man die Ahanta verstehen.
Die Ahanta sind ein Akan-Volk das die westliche Küste Ghanas seit Jahrhunderten bewohnt — zwischen den heutigen Städten Takoradi und Axim, in Dörfern wie Busua, Butre, Komenda. Geschickte Fischer und Händler, organisiert in matrilinearen Clans, regiert von Chiefs und dem obersten Herrscher, dem Ahantahene. Ein Volk das seine Unabhängigkeit als nicht verhandelbar betrachtete.
Als die Portugiesen im 15. Jahrhundert kamen, dann die Holländer, die Dänen, die Engländer, hatten die Ahanta eine klare Haltung: Wir handeln mit euch. Wir verbünden uns wenn es nötig ist. Wir akzeptieren eure Präsenz solange sie uns nützt. Aber ihr befehlt uns nicht.
Diese Haltung funktionierte ein, zwei Generationen lang. Im frühen 19. Jahrhundert funktionierte sie nicht mehr.

Am Fort Batenstein - Eine alte holländische Kanone liegt noch dort — rostig, stumm, ein Überbleibsel einer Macht die längst verschwunden ist. (c) Remo Kurka, TButre
Der König — Badu Bonsu II
Badu Bonsu II bestieg den Thron der Ahanta in einer Zeit in der die holländische Kolonialverwaltung, ihre Basis in Elmina, immer aggressiver wurde. Handelsmonopole wurden erzwungen. Preise wurden diktiert. Lokale Chiefs wurden abgesetzt wenn sie nicht kooperativ genug waren. Die Ahanta, einst gleichberechtigte Handelspartner, sollten Untertanen werden.
Badu Bonsu II war kein Mann der das akzeptierte.
Er sprach mehrere Sprachen, verstand die Mechanismen des kolonialen Handels, hatte politischen Instinkt und Charisma. Und er hatte eine Überzeugung: Die Ahanta sind ein souveränes Volk. Ihr König spricht als Gleichberechtigter, nicht als Vasall. Die Holländer hatten kein Recht in Ahanta-Angelegenheiten einzugreifen.
Jahrelang eskalierte die Spannung. Die Holländer erhoben neue Steuern. Badu Bonsu II verweigerte sie. Die Holländer versuchten Chiefs unter seiner Herrschaft zu ersetzen. Badu Bonsu II weigerte sich das zu akzeptieren. Die Holländer drohten. Badu Bonsu II drohte zurück.
Bis 1837 hatte die Geduld auf beiden Seiten ihr Ende gefunden.

Fort Batenstein, der Innenbereich.
Badu Bonsu II hatte Zuflucht in Butre gesucht — ausgerechnet Butre, dem Ort des 1656 geschlossenen Vertrags, dem Ort der das Bündnis zwischen Ahanta und Holländern einst besiegelt hatte. Er hoffte auf Schutz. Auf Loyalität. Auf den Rest eines alten Paktes.
Was er bekam war Verrat. (c) Remo Kurka, Butre
1837 — Der König schlägt zurück
Als holländische Gouverneur Hendrik Tonneboeijer und Major Cremer mit einer Delegation in das Ahanta-Gebiet marschierten um neue Kolonialforderungen durchzusetzen, traf sie das was sie nicht erwartet hatten: Widerstand mit Konsequenzen.
Was genau in jenen Tagen geschah ist in den Quellen nicht vollständig dokumentiert. Klar ist: Tonneboeijer und Cremer wurden getötet. Ob in einem hinterhalt, in einer Konfrontation, auf Befehl des Königs oder durch die eigenständige Entscheidung von Ahanta-Kriegern — das ist bis heute Gegenstand historischer Debatte.
Was die Holländer nicht debattierten, war ihre Reaktion.
Kriegsschiffe vor der Küste von Busua. Bombardement der Ahanta-Hauptstadt. Expeditionen ins Landesinnere, Dörfer niedergebrannt, Verbündete des Königs gejagt, Informanten mit Gold bezahlt. Der volle Apparat kolonialer Vergeltung, entfesselt gegen ein Volk das sich erlaubt hatte, zurückzuschlagen.
Badu Bonsu II floh von Dorf zu Dorf. Er kämpfte weiter, organisierte Widerstand, weigerte sich zu kapitulieren. Monatelang.

Butre, Ankobra-Fluss - Im Hof von Fort Batenstein, unter der tropischen Sonne des 27. Juli 1838, wurde König Badu Bonsu II gehängt.
Dann geköpft.
Der Körper wurde in den Ankobra-Fluss geworfen, das Wasser trug ihn weg vom Land für das er gestorben war. Der Kopf aber — der wurde aufbewahrt. In Formaldehyd konserviert, in ein Glasglas gesetzt, auf ein holländisches Schiff verladen. (c) Remo Kurka, Butre
27. Juli 1838 — Der Verrat
Das Ende kam nicht durch militärische Überlegenheit. Es kam durch zehn Unzen Gold.
Badu Bonsu II hatte Zuflucht in Butre gesucht — ausgerechnet Butre, dem Ort des 1656 geschlossenen Vertrags, dem Ort der das Bündnis zwischen Ahanta und Holländern einst besiegelt hatte. Er hoffte auf Schutz. Auf Loyalität. Auf den Rest eines alten Paktes.
Was er bekam war Verrat.
Landsleute lieferten ihn aus. Für zehn Unzen Gold übergaben sie ihren König den Holländern. Die Geschichte nennt keine Namen. Vielleicht ist das die einzige Gnade die diese Episode enthält.
Badu Bonsu II wurde sofort nach Fort Batenstein gebracht. Denselben Hügel, dieselben Treppen die ich heute hochgehe, musste er hochgehen — als Gefangener, gebrochen aber aufrecht.

Blick von der Fort Batensein Treppe, in die Bucht von Butre. - Landsleute lieferten ihn aus. Für zehn Unzen Gold übergaben sie ihren König den Holländern. Die Geschichte nennt keine Namen. Vielleicht ist das die einzige Gnade die diese Episode enthält.
Badu Bonsu II wurde sofort nach Fort Batenstein gebracht. Denselben Hügel, dieselben Treppen die ich heute hochgehe, musste er hochgehen — als Gefangener, gebrochen aber aufrecht.
Das Scheinurteil und die Hinrichtung
Was folgte, war kein Prozess. Es war ein Theaterstück.
Die Holländer hatten die Entscheidung bereits getroffen. Badu Bonsu II wurde als Mörder und Aufständischer verurteilt — die Tatsache dass er als souveräner König sein Land gegen Besatzung verteidigt hatte, wurde nicht diskutiert. Koloniale Logik kennt keine Souveränität außerhalb des eigenen Systems.
Das Urteil: Tod.
Im Hof von Fort Batenstein, unter der tropischen Sonne des 27. Juli 1838, wurde König Badu Bonsu II gehängt.
Dann geköpft.
Der Körper wurde in den Ankobra-Fluss geworfen, das Wasser trug ihn weg vom Land für das er gestorben war. Der Kopf aber — der wurde aufbewahrt. In Formaldehyd konserviert, in ein Glasglas gesetzt, auf ein holländisches Schiff verladen.
Er reiste nach Leiden. Zur Universität. Als "ethnographisches Exponat." Als wissenschaftliches Sammlungsstück. Als Trophäe.
170 Jahre in einem Glasglas
Was danach folgte, ist in seiner Stille beinahe schlimmer als die Hinrichtung selbst.
Der Kopf von König Badu Bonsu II stand 170 Jahre lang im Leidener Völkerkundemuseum. Inventarisiert, katalogisiert, Teil einer Sammlung. Generationen von Ghanaern wussten nicht wo ihr König war. Generationen von Niederländern wussten es, schwiegen oder ignorierten es.
Es war der ghanaische Schriftsteller Arthur Japin, der in seinem 2000 erschienenen Roman "In Lucia's Eyes" das Schicksal des Königs literarisch aufgriff — und damit eine Debatte auslöste die nicht mehr zu stoppen war. Ghanaische Historiker, traditionelle Herrscher der Ahanta, Diplomaten begannen zu fordern: Gebt uns zurück was ihr gestohlen habt.
Die Niederländer zögerten. Diskutierten. Berieten.
Dann, 2009, fast 171 Jahre nach dem Tod des Königs, fand in Den Haag eine Zeremonie statt.
Das Glasglas mit dem Kopf von Badu Bonsu II wurde übergeben. An Vertreter der ghanaischen Regierung, an Vertreter des Ahanta-Volkes. In einem feierlichen, stillen Moment der Restitution — einem der ersten seiner Art in der Geschichte kolonialer Rückgaben.
Der König konnte nach Hause zurückkehren.
Was heute von Fort Batenstein bleibt
Das Fort selbst steht noch. Halb von der Vegetation zurückerobert, die Wände aus lokalem Stein verwittert aber fest, die Aussicht über die Bucht von Butre unverändert schön. Eine alte holländische Kanone liegt noch dort — rostig, stumm, ein Überbleibsel einer Macht die längst verschwunden ist.
Butre ist heute ein kleines Fischerdorf, ruhig und vollkommen unberührt vom Tourismus der großen Küstenstädte.
Der Strand ist wunderschön. Die Menschen sind freundlich. Und wer weiß was er sucht, findet auf diesem Hügel etwas das kein Museumsbesuch ersetzen kann — die Spuren einer Geschichte die hier passiert ist, in diesem Stein, in diesem Boden, auf diesen Treppen.
Ich habe oben gestanden und auf die Bucht geschaut, auf dieselbe Bucht in der 1838 holländische Kriegsschiffe lagen und die Ahanta-Küste blockierten, und gedacht: Hier ist jemand gestorben für eine Sache, von der er wusste dass er sie nicht gewinnen konnte. Und trotzdem.
Das ist keine abstrakte Geschichte. Das ist hier. An diesem Ort.
Wie du nach Butre und Fort Batenstein kommst
Butre liegt etwa 25 Kilometer westlich von Takoradi, erreichbar über eine Abzweigung von der Küstenstraße in Richtung Axim. Das letzte Stück zur Bucht und zum Dorf ist eine rote Lateritpiste — mit einem normalen Auto bei Trockenheit gut passierbar, bei Regen schwieriger. Von Takoradi aus entweder mit dem Tro-Tro Richtung Dixcove und dann weiter, oder mit einem Shared Taxi direkt nach Butre.
Das Fort liegt auf dem bewaldeten Hügel über dem Dorf. Der Aufstieg dauert etwa zehn bis fünfzehn Minuten auf dem Fußweg — die Eintrittskarte erhältst du direkt im Dorf beim lokalen Tourismusbüro. Das Geld geht an die Gemeinde.
In der unmittelbaren Umgebung liegt Dixcove mit Fort Metal Cross, ebenfalls ein vergessenes holländisches Fort, ebenfalls kaum besucht, ebenfalls mit einer reichen Geschichte. Busua Beach, der Hauptstrand der Ahanta, ist in der Nähe — einer der schönsten und entspanntesten Strände Ghanas, weitgehend unberührt vom Massentourismus.
Wer die westghanaische Küste bereist, sollte Butre und Fort Batenstein auf keinen Fall auslassen. Nicht wegen des Forts — obwohl das allein schon den Besuch wert ist. Sondern wegen der Geschichte die hier stattfand.
Was ich auf diesen Treppen gedacht habe
Ich habe auf dem Weg hinunter von Fort Batenstein an den Moment in Den Haag gedacht. 2009. Ein Glasglas in holländischen Händen, übergeben an ghanaische Vertreter. 171 Jahre nach dem Tod.
Es gibt keine schöne Art das zu beschreiben. Kein Ende das sich rund anfühlt, kein Moment an dem man sagt: Jetzt ist es gut. Die Geschichte bleibt wie sie ist — ein König der für seine Überzeugungen starb, ein Volk das überlebte, ein Land das nicht vergessen hat.
Aber es gibt etwas: Den Akt der Rückgabe selbst. Die Tatsache dass die Niederlande, nach jahrelangem Druck, schließlich eingeräumt haben was nicht wegzudiskutieren war. Dass ein Kopf in einem Glasglas kein Exponat ist, sondern ein Mensch. Dass 170 Jahre kein Ablaufdatum für Würde sind.
Badu Bonsu II ist zurückgekehrt.
Der Rest liegt bei uns — ob wir diese Geschichte kennen, ob wir sie erzählen, ob wir verstehen was auf diesen verwitterten Steintreppen über dem Atlantik passiert ist.
Interne Verlinkungen:
- → Cape Coast Castle — Die unbequeme Wahrheit über den Sklavenhandel
- → Axim — Die versteckte Küstenperle Ghanas
- → Fort Visão — Das vergessene portugiesische Fort in Jamestown
- → Ghana Rundreise 12 Tage — Accra, Axim, Kumasi, Tamale
- → Elmina Castle — Geschichte und Tourismus
- → Ghana Geschichte für Deutsche erklärt
