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Fort Visão aka Franklin Lodge — Das vergessene portugiesische Fort in Jamestown, Accra


Remo Kurka - Es gibt in Accra eine Straße, die Brazil Lane heißt. Das klingt nach einem Irrtum — was hat Brasilien mit Ghanas Hauptstadt zu tun? Die Antwort auf diese Frage führt in eine Geschichte, die so verwickelt, so dunkel und so erstaunlich wenig bekannt ist, dass ich sie immer wieder gerne erzähle, weil ich jedes Mal sehe, wie die Augen meines Gegenübers größer werden.


Mitten in dieser Straße, in Jamestown, dem ältesten Viertel Accras, steht hinter einem verwitterten Holztor ein Gebäude aus Korallenstein und Laterit, das auf niemanden wartet. Keine Touristen, keine Führungen, kein Hinweisschild. Eine Familie lebt darin. Kinder spielen im Innenhof. Die Wände sind mit Graffiti bedeckt.


Das ist Fort Visão. Das älteste europäische Bauwerk in Accra. Und fast niemand kennt es.

Transatlantischer Sklavenhandel. Die Wahrheit! (c) Remo Kurka, Cape Coast

Ein Teil der Geschichte der in den Führungen nicht vorkommt, auf den Tafeln nicht steht, in den gängigen Erzählungen über Cape Coast und Elmina kaum auftaucht: Wer hat diese Menschen eigentlich hierher gebracht? (c) Remo Kurka, Cape Coast

1660 — Die Portugiesen kommen nach Accra


Um zu verstehen was Fort Visão ist, muss man kurz zurückgehen zu dem Moment, als die Portugiesen an diese Küste kamen. Sie waren die Ersten — schon 1471 hatten sie den Golf von Guinea erreicht, 1482 hatten sie Elmina Castle gebaut, das erste europäische Steingebäude südlich der Sahara. Für fast zweihundert Jahre kontrollierten sie den Handel an der Goldküste.


Aber mit der Zeit kamen andere. Die Niederländer, die Engländer, die Dänen — alle wollten ihren Teil vom Gold, vom Elfenbein, und später, viel profitabler als alles andere, von den Menschen. Die Portugiesen, einst die Pioniere, wurden Schritt für Schritt zurückgedrängt. 1640 verloren sie Elmina an die Niederländer. Ihr Einfluss an der Küste schrumpfte.


1660, mitten in dieser Rückzugsbewegung, bauten sie trotzdem noch ein letztes Mal. In dem Gebiet das die Ga-Mashie bewohnten, am Ort des heutigen Jamestown in Accra, errichteten sie Fort Visão — portugiesisch für "Vision" oder "Ausblick." Ein befestigtes Handelshaus, kein großes Fort, kein imposantes Schloss wie Cape Coast oder Elmina. Eher eine verstärkte Lagerhalle mit Wohnquartieren — ein Ort zum Handeln, zum Warten, zum Verschicken.


Was verschickt wurde, ist bekannt. Gold zunächst. Elfenbein. Und Menschen.

Reste des Richters Fort, Osu (c) Remo Kurka, Accra

Ein kleines Fenster, um den Sklaven Essen zukommen zu lasse. Fort Visão taucht in keinem dieser Reiseführer auf. Es steht auf keiner UNESCO-Liste. Es wird von der ghanaischen Denkmalbehörde GMMB nicht offiziell betreut. Es gibt kein Schild, keine Erklärungstafel, keinen offiziellen Eingang. 

(c) Remo Kurka, Jamestown

Ghana Reisen – Speisen, Kultur Tipps & Landes-Informationen

Das Fort das niemand kennt


Wenn Besucher nach Accra kommen und die koloniale Geschichte der Stadt erkunden wollen, gehen sie zu Fort Ussher — das niederländische Fort, heute ein verfallenes Mahnmal in Ussher Town. Sie gehen zu James Fort in Jamestown, dem britischen Fort aus dem Jahr 1673, das ebenfalls zerfällt aber zumindest markiert ist. Und einige wissen vom Osu Castle — dem ehemaligen dänischen Christiansborg, das bis 2013 Präsidentenpalast ist und aus der Ferne bewundert werden konnte. Heute ist es zum Teil, ein Museum. Das neue Touristen "Flagship" der drei "Bilderbuch"-Castle: Elmina Castle, Cape Coast Castle und Osu Castle.


Fort Visão taucht in keinem dieser Reiseführer auf. Es steht auf keiner UNESCO-Liste. Es wird von der ghanaischen Denkmalbehörde GMMB nicht offiziell betreut. Es gibt kein Schild, keine Erklärungstafel, keinen offiziellen Eingang.


Dabei ist es älter als James Fort. Es wurde von den Portugiesen gebaut, bevor die Briten überhaupt in Accra präsent waren. Es ist, so weit ich weiß, das älteste noch erhaltene europäische Bauwerk der ghanaischen Hauptstadt.


Ich stand vor diesem verwitterten Holztor in Brazil Lane und musste zweimal schauen. Die Wände aus behauenen Korallensteinen und Laterit — denselben Materialien, die man in Elmina oder Cape Coast sieht — sind noch erstaunlich intakt. Die Fassade zur Straße hin ist lang und massiv.


Der Innenhof dahinter ist geräumig, umgeben von niedrigen Gebäuden die noch immer bewohnt sind. Im Erdgeschoss sind Räume erkennbar, die einst als Lager dienten. Im Obergeschoss zeugen Bögen und eingestürzte Wände davon, dass hier einmal mehr war als heute sichtbar ist.

Und darunter — das ist das Unheimlichste —  darunter verlaufen Tunnel.

Fort Visão steht noch. Das ist die gute Nachricht. Die Korallenstein-Fassade hält. Der Innenhof ist begehbar. (c)Remo Kurka, Elmina

Fort Visão, aka Franklin Lodge, steht noch. Das ist die gute Nachricht. Die Korallenstein-Fassade hält. Der Innenhof ist begehbar. Wer die Familie die dort wohnt respektvoll anspricht — und ich empfehle dringend, einen lokalen Guide aus dem Brazil House hinzuzuziehen — kann hineingehen und sehen, was von 1660 noch übrig ist.. (c) Remo Kurka, Jamestown

Die Tunnel unter Jamestown


Was in dänischen Archivdokumenten belegt ist und was lokale Überlieferungen seit Generationen erzählen, ist dies: Unter dem Gebäude, das heute als Franklin House oder Franklin Lodge bekannt ist, verlaufen geheime Tunnel in Richtung James Fort und zum Hafen.

Tunnel für was genau? Die offensichtliche Antwort ist auch die erschreckendste: für den Transport von Menschen. Versklavte, die in Jamestown gesammelt wurden, konnten durch diese unterirdischen Gänge zum Hafen gebracht werden, unsichtbar, unkontrollierbar, spurlos. Kein Aufstand auf den Straßen. Kein Aufmerksamkeitserregen. Einfach verschwinden.


Unweit von Fort Visão stand bis 2016 das Hansen House — das Sea-View Hotel, einst das erste Hotel an der gesamten Goldküste. Auch darunter verliefen Tunnel, verbunden mit dem portugiesischen Fort und James Fort. Die Hansen-Familie, eine der ältesten und einflussreichsten Ga-Familien in Accra, betrieb das Hotel für Generationen. Ihre Vorfahren, so die Überlieferung, waren aktiv am Sklavenhandel beteiligt — als Vermittler zwischen dem Landesinneren und den europäischen Händlern an der Küste.


2016 wurde Hansen House abgerissen. Für eine Kirche.

Was unter dem Gebäude war — die Tunnel, die Geschichte, die Wahrheit — ist mit dem Abriss verschwunden. Das ist ein Verlust, der sich nicht mehr korrigieren lässt.

Was nicht mehr steht: Hansen House, das Sea-View Hotel. Abgerissen 2016 für einen Kirchenneubau

Was nicht mehr steht: Hansen House, das Sea-View Hotel. Abgerissen 2016 für einen Kirchenneubau, ohne archäologische Dokumentation, ohne Sicherung der Tunnel, ohne öffentliche Debatte. Ein Stück Geschichte, das nicht ersetzt werden kann, ist für immer weg. (c) Remo Kurka, Jamestown

Die Ga und der Sklavenhandel — eine Geschichte die niemand erzählen will


Ich habe das im Artikel über Cape Coast schon angesprochen, aber hier in Jamestown wird es konkret und greifbar: Die Ga, das Küstenvolk dessen Territorium das heutige Accra ist, waren nicht nur Opfer des kolonialen Systems. Sie waren, wie die Fante weiter westlich und die Ashanti im Landesinneren, aktive Teilnehmer am transatlantischen Sklavenhandel.


Das klingt hart. Es ist historische Tatsache.


Die Ga-Mashie-Chiefs kontrollierten den Zugang zum Strand, zu den Forts, zum Hafen. Kein europäischer Händler konnte hier operieren ohne ihre Kooperation. Diese Kooperation hatten sie — gegen Bezahlung in europäischen Waren, Waffen und Alkohol. Kriegsgefangene aus dem Landesinneren, Schuldner, politische Feinde — sie wurden an die Küste gebracht, an die Forts übergeben, in die Schiffe verladen.


Fort Visão und später James Fort waren die Knotenpunkte dieses Systems in Accra. Die Tunnel darunter waren die Infrastruktur. Und die Ga-Händler, die an diesem Handel verdienten, lebten in Häusern wie dem Hansen House — direkt neben dem Fort, in direkter räumlicher Verbindung mit dem was dort geschah.


Das ist keine bequeme Geschichte. Das ist der Grund, warum sie nicht erzählt wird.



Die Tabon — Rückkehr aus Brasilien


Dann ist da noch die andere Geschichte, die parallel zu all dem läuft — und die dem Viertel seinen Namen gegeben hat.


Im Jahr 1836 — also fast zwei Jahrhunderte nach dem Bau von Fort Visão — kehrten befreite Nachkommen von Sklaven aus Brasilien an die Goldküste zurück. Sie hatten in Bahia, in Rio de Janeiro, in Salvador gelebt. Manche hatten ihre Freiheit erkauft, manche waren durch Gesetze freigelassen worden, manche flohen. Sie kamen zurück nach Westafrika, nach Lagos in Nigeria, nach Togo, nach Accra.


In Jamestown bauten sie Häuser in einem Stil, den man heute noch sieht — breite Veranden, hohe Decken, europäisch inspirierte Fassaden die tropischem Klima angepasst sind. Das Brazil House in Brazil Lane ist das bekannteste dieser Gebäude. Die Menschen die dort wohnten und die ihre Nachkommen bis heute in Jamestown leben nannte man die Tabon — eine Verformung des portugiesischen Wortes für "gut" oder "in Ordnung," das die Rückkehrer angeblich immer wieder verwendeten als Gruß.


Die Tabon brachten brasilianische Einflüsse mit. Piri-Piri-Würze, Baukünste, Musik, Sprache. Noch heute gibt es in Jamestown Familien die dieses Erbe als Teil ihrer Identität tragen. Und noch heute steht ihr Brazil House direkt neben den Ruinen des portugiesischen Forts, das einst Teil des Systems war das ihre Vorfahren in die Sklaverei getrieben hat.

Geschichte liebt diese Art von bitterer Ironie.



Was heute noch steht — und was verschwunden ist


Fort Visão steht noch. Das ist die gute Nachricht. Die Korallenstein-Fassade hält. Der Innenhof ist begehbar. Wer die Familie die dort wohnt respektvoll anspricht — und ich empfehle dringend, einen lokalen Guide aus dem Brazil House hinzuzuziehen — kann hineingehen und sehen, was von 1660 noch übrig ist.


Was nicht mehr steht: Hansen House, das Sea-View Hotel. Abgerissen 2016 für einen Kirchenneubau, ohne archäologische Dokumentation, ohne Sicherung der Tunnel, ohne öffentliche Debatte. Ein Stück Geschichte, das nicht ersetzt werden kann, ist für immer weg.


Was bedroht ist: Fort Visão selbst. Kein offizieller Schutzstatus, keine Fördermittel, keine Restaurierung. Die Familie die darin wohnt, hat keine Ressourcen für umfangreiche Instandhaltung. UNESCO und GMMB schauen weg. Jamestown wächst und verdichtet sich. In zehn Jahren könnte auch das, was 1660 gebaut wurde, Vergangenheit sein.

Das wäre ein Verlust den man sich merken sollte — damit man hinterher nicht sagt, man habe es nicht gewusst.



Wie du Fort Visão besuchst


Fort Visão liegt in Jamestown, dem ältesten Viertel Accras, in Brazil Lane. Das ist keine Touristenadresse mit Parkplatz und Souvenirshop — das ist ein lebendiges Stadtviertel mit engen Gassen, Fischerbooten am Strand, Wäsche auf den Leinen und Kindern die Fußball spielen.


Mein dringender Rat: Komm nicht allein und komm nicht unangekündigt. Das Gebäude ist bewohnt, und eine unerwartete Gruppe Fremder ist für die Bewohner unangenehm. Wende dich vorab an das Brazil House in unmittelbarer Nähe — die Tabon-Community dort ist gastfreundlich, offen für Besucher und kann einen lokalen Guide organisieren, der die Geschichte kennt und den Kontakt zur Familie herstellt.


Jamestown selbst verdient mehr als einen kurzen Besuch. Das Viertel ist authentisch auf eine Art, die Accra fast nirgendwo sonst noch bietet. Der Fischmarkt am frühen Morgen, die Boxer die im Stadion der alten Ussher-Gegend trainieren, die Leuchtturm-Aussicht über den Atlantik. Und natürlich James Fort und Fort Ussher, die in Gehweite liegen und zusammen mit Fort Visão ein Dreieck der kolonialen Geschichte bilden, das einzigartig in Westafrika ist.



Ein letzter Gedanke


Ich stehe manchmal vor diesem verwitterten Holztor in Brazil Lane und denke daran, was es gesehen hat. Portugiesische Kaufleute mit Lederhüten im westafrikanischen Klima, die ihre Bücher führten. Ga-Händler die mit Waren und Menschen handelten. Sklaven die durch Tunnel unter diesem Boden geführt wurden. Brasilianische Rückkehrer die nebenan Häuser bauten und sich zu Hause nannten.

Und jetzt: Kinder die Fußball spielen. Graffiti an den alten Korallensteinwänden. Wäsche auf den Leinen.


Geschichte ist nicht vergangen. Sie liegt einfach unter der Oberfläche. Manchmal buchstäblich, in Tunneln die niemand mehr öffnet.


Fort Visão ist ein Ort, der erzählt werden muss — bevor er verschwindet.


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