Ghana mit 70 — Was dieses Land in sieben Jahrzehnten geleistet hat, und warum es mich immer wieder zurückzieht

Ich erinnere mich noch genau an das erste Mal, als ich vor vielen Jahren ghanaischen Boden betrat. Der Moment, in dem man aus dem Flugzeug tritt und die warme, feuchte Luft Accras einen sofort umhüllt — das ist kein sanfter Übergang. Ghana begrüßt einen mit voller Wucht. Laut, farbenfroh, lebendig, überwältigend. Und irgendwie sofort vertraut.
Seit über zwei Jahrzehnten verfolge ich dieses Land. Ich habe gesehen wie Accra gewachsen ist — von einer verschlafenen westafrikanischen Hauptstadt zu einer pulsierenden Metropole mit Hochhäusern, Einkaufszentren und einem Nachtleben, das sich vor keiner anderen afrikanischen Stadt verstecken muss. Ich habe die roten Lateritstraßen im Norden bereist, die Fischerboote bei Kokrobite im ersten Morgenlicht gesehen, an der "Door of No Return" in Cape Coast gestanden und verstanden, warum dieses Land so viel mehr ist als ein Reiseziel.
Am 6. März 2027 wird Ghana 70 Jahre alt. Sieben Jahrzehnte Unabhängigkeit. Zeit, innezuhalten. Zeit, zu würdigen, was dieses außergewöhnliche Land geleistet hat — und ehrlich zu sein über das, was noch vor ihm liegt.
Das war der Eingang in die Empfangshalle 2001 (c) Remo Kurka, Kotoka International Airport, Accra
6. März 1957 — der Tag, der Afrika veränderte
Es ist unmöglich, über Ghanas 70 Jahre zu schreiben, ohne bei jenem Abend zu beginnen. Mitternacht, 6. März 1957. Das Polo Ground in Accra — heute Independence Square — war überfüllt mit Menschen, die auf einen Moment gewartet hatten, von dem viele dachten, er würde in ihrem Leben nicht kommen. Kwame Nkrumah trat ans Mikrofon und rief die Unabhängigkeit der Republik Ghana aus — als erstes Land Schwarzafrikas südlich der Sahara.
"Ghana ist frei für immer", sagte er. Die Menge explodierte.
Was in diesem Moment geschah, war größer als Ghana. Es war ein Signal an den gesamten Kontinent: Es ist möglich. Ihr könnt euer Schicksal selbst bestimmen. Innerhalb von zehn Jahren hatten fast dreißig weitere afrikanische Länder die Unabhängigkeit erlangt. Ghana hatte den Stein ins Wasser geworfen — und die Wellen liefen bis ans Ende des Kontinents.
Wenn ich heute am Black Star Gate stehe — diesem massiven weißen Torbogen am Independence Square, der das Ende der Kolonialzeit markiert — dann denke ich immer daran. An die Last der Geschichte, die in diesem Stein steckt. Und an die Kühnheit der Menschen, die damals glaubten, es geht.
→ Besucht Ghana@70 WebseiteGhana Kente, aus der Ashaniregion und aus der Voltaregion (Ewe Kente) (c) Remo Kurka, Accra
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Die ersten Jahre — Nkrumahs große Vision
Die ersten Jahre der Unabhängigkeit waren geprägt von einer Energie, die man sich heute kaum vorstellen kann. Nkrumah baute. Er baute Schulen und Universitäten, Krankenhäuser und Straßen. Er elektrifizierte das Land mit dem Akosombo-Staudamm — einem Meisterwerk der Ingenieurskunst, das den Volta-See schuf, einen der größten künstlichen Seen der Welt, und Ghana mit Strom versorgte.
Ich war selbst oben am Akosombo-Damm. Stand auf der Krone dieses gewaltigen Bauwerks, schaute auf das glitzernde Wasser des Volta-Sees und versuchte mir vorzustellen, dass das alles einmal Dschungel und Savanne war. Dass ghanaische Ingenieure und Arbeiter — mit internationaler Hilfe, ja, aber unter ghanaischer Führung — diesen See aus dem Nichts schufen. Es ist ein Gefühl, das man nicht beschreiben kann. Ehrfurcht, glaube ich, ist das richtige Wort.
Nkrumah träumte groß — manchmal zu groß für die politische Realität seiner Zeit. 1966 putschte das Militär, während er in Hanoi war. Er kehrte nie zurück. Starb im Exil in Bukarest. Sein Land hat ihn erst Jahrzehnte später wirklich gewürdigt — mit dem Kwame Nkrumah Memorial Park im Herzen Accras, wo er heute begraben liegt, unter einem Dach aus Glas und Stahl, umgeben von roten, gelben und grünen Blumen.
Wenn man dort sitzt — und ich empfehle jedem, sich dort Zeit zu nehmen, nicht nur kurz vorbeizuhetzen — dann versteht man, was dieser Mann für Ghana bedeutet. Nicht als Heiliger, nicht als Fehlerloser. Sondern als Mensch, der an sein Volk glaubte, bevor sein Volk an sich selbst glauben konnte.
Die schwierigen Jahrzehnte — Militärputsche und Wiedergeburt
Die Geschichte zwischen Nkrumahs Sturz und der Demokratie von 1992 ist keine einfache. Militärputsche, Gegenpuusche, wirtschaftliche Krisen, politische Instabilität. Ich will das nicht kleinreden — Ghana hat gelitten. Die 1970er und 1980er Jahre waren hart. Menschen flohen, die Wirtschaft kollabierte, das Vertrauen in staatliche Institutionen war erschüttert.
Aber Ghana hat sich — und das ist das Erstaunliche — immer wieder aufgerappelt. Nicht durch Wunder, sondern durch den unerschütterlichen Pragmatismus und die Lebensfreude seiner Menschen. Die Ghanaer sind, das kann ich nach vielen Jahren auf diesem Boden sagen, einige der widerstandsfähigsten und warmherzigsten Menschen, denen ich je begegnet bin.
Sie haben eine Art, das Beste aus einer Situation zu machen, die ich in keinem anderen Land in dieser Form erlebt habe.
> Jerry Rawlings — man kann über ihn streiten, und die Ghanaer tun das leidenschaftlich — brachte das Land 1992 zur Demokratie zurück.< Was immer man von seiner Methodik hält: die Vierte Republik, die er einleitete, hat Ghana mehr politische Stabilität gebracht als fast jedes andere Land der Region.
Demokratie — Ghanas stärkstes Exportgut
Hier möchte ich einen Moment innehalten. Denn das, was Ghana in den letzten drei Jahrzehnten demokratisch geleistet hat, verdient mehr internationale Anerkennung als es bekommt.
Seit 1992 hat Ghana sieben Präsidentschaftswahlen abgehalten. Fünf davon haben zu einem friedlichen Machtwechsel zwischen den beiden großen Parteien geführt — dem NDC und dem NPP. Das klingt selbstverständlich. Es ist es nicht. In einer Region, wo Wahlbetrug, Gewalt und Putsche zur politischen Normalität gehören, ist Ghanas demokratische Reife außergewöhnlich.
Ich war in Ghana in Wahlzeiten. Die Atmosphäre ist elektrisierend. Menschen debattieren auf den Straßen, in den Tro-Tros, in den Chop Bars. Radio-Talkshows laufen rund um die Uhr. Jeder hat eine Meinung, und jeder teilt sie laut mit. Aber wenn das Ergebnis kommt — egal wie knapp — dann akzeptiert Ghana es. Und das Leben geht weiter.
Das ist keine Kleinigkeit. Das ist Staatskunst.
Wirtschaft — Aufstieg, Rückschläge und neuer Aufbruch
Ghana war das erste Land Subsahara-Afrikas, das die UN-Millenniumsziele zur Halbierung der Armut erreichte — und das schon 2006, neun Jahre vor der Deadline. Das Wirtschaftswachstum in den 2000er Jahren, befeuert durch Kakao, Gold und schließlich Öl aus dem Jubilee-Feld vor der Küste, war beeindruckend.
Ich erinnere mich an Gespräche mit ghanaischen Unternehmern in Accra, die mir in den frühen 2000ern sagten: "In zehn Jahren wirst du dieses Accra nicht wiedererkennen." Sie hatten recht. Das Accra von heute — mit dem Airport City Business District, den Restaurants in Osu, den Boutique-Hotels in Cantonments — ist eine andere Stadt als das Accra, das ich zuerst kannte.
Ja, es gab auch wirtschaftliche Krisen. Die Cedi hat gelitten. Die Inflation hat gebissen. Ghana musste mehrfach zum Internationalen Währungsfonds. Das sind echte Probleme, und kein verantwortungsvoller Ghana-Beobachter sollte sie wegdiskutieren.
Aber das Fundament ist stärker als man denkt. Ghana hat natürliche Ressourcen — Gold, Kakao, Öl, Bauxit, Mangan. Es hat eine gut ausgebildete Bevölkerung, eine wachsende Mittelklasse und eine Diaspora, die Milliarden in das Land zurückpumpt. Und es hat etwas, das man nicht kaufen kann: Stabilität und internationales Vertrauen.
Kultur — das eigentliche Kapital
Aber wenn ich ehrlich bin — und das ist vielleicht das Persönlichste, was ich über Ghana sagen kann — dann ist es nicht die Wirtschaft, die mich immer wieder zurückzieht. Es ist die Kultur.
Es ist der Moment beim Akwasidae-Festival in Kumasi, wenn der Asantehene auf seinem goldenen Palankin getragen wird und die Trommeln so tief sind, dass man sie in der Brust spürt, nicht nur in den Ohren. Es ist die Kente-Weberei in Bonwire, wo alte und junge Männerund Frauen mit flinken Fingern Stoffe weben, die in Museen der Welt ausgestellt werden. Es sind die Adinkra-Symbole, jedes mit einer eigenen Philosophie, die die Ashanti seit Jahrhunderten nutzen um Weisheit in Stoff und Stein zu brennen.
Es ist das Essen — Fufu mit Erdnusssuppe an einem Freitagabend, Kelewele vom Straßenstand, frischer Fisch direkt vom Fischer in Elmina, gewürzt mit mehr Pfeffer als mein europäischer Gaumen eigentlich verträgt und trotzdem immer wieder bestellt.
Es ist die Musik. Highlife, Hiplife, Afrobeats — Ghana hat der Welt einen Soundtrack gegeben. Wenn ich in Europa in einem Club einen Afrobeats-Song höre, dann denke ich an die Nächte in Accra, an die Open-Air-Bars in Osu, an das Lachen und Tanzen und dieses spezielle ghanaische Lebensgefühl, das sich schwer in Worte fassen lässt aber sofort erkennbar ist.
Ghana ist ein Land, das weiß wie man lebt.
Ghana mit 70 — wo steht das Land wirklich?
Sieben Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit ist Ghana kein perfektes Land. Kein Land ist das. Die Infrastruktur außerhalb der großen Städte braucht Investitionen. Das Gesundheitssystem hat Lücken. Die Jugendarbeitslosigkeit ist eine echte Herausforderung. Der Klimawandel trifft Ghana — durch Dürren im Norden, Küstenerosion im Süden — mit einer Härte, die der Kontinent nicht alleine verschuldet hat.
Aber wenn ich die Summe ziehe — nach allem was ich gesehen habe, nach allen Gesprächen, nach allen Reisen durch dieses Land von Accra bis Bolgatanga, von Kokrobite bis Hohoe — dann überwiegt das Staunen.
Ghana hat in 70 Jahren Sklaverei, Kolonialismus, Militärdiktaturen, Wirtschaftskrisen und regionale Instabilität überlebt. Und nicht nur überlebt — es hat daraus eine funktionierende Demokratie, eine lebendige Zivilgesellschaft, eine stolze kulturelle Identität und einen wachsenden Platz in der Welt gemacht.
Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist eine Leistung.
Ghana@70 — Akwaaba und auf die nächsten 70
Am 6. März 2027 werde ich — wenn es irgendwie möglich ist — in Ghana sein. Am Independence Square stehen, wenn die Fahnen gehisst werden und die Militärkapelle spielt. Vielleicht mit einem Kaltgetränk in der Hand, umgeben von Menschen, die feiern, weil Feiern in Ghana eine ernstgenommene Angelegenheit ist.
Ghana wird 70. Und wenn dieses Land die nächsten 70 Jahre mit auch nur der Hälfte der Energie, Kreativität und Hartnäckigkeit angeht, mit der es die ersten sieben Jahrzehnte gemeistert hat — dann wird die Welt noch viel von Ghana hören.
Akwaaba, Ghana. Und herzlichen Glückwunsch.
