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Nzulezo — Das Dorf das auf dem Wasser lebt, und ein Chief der Bier trinkt


Remo Kurka - Es gibt Orte, über die man gelesen hat und denkt: Das kann so nicht stimmen. Ein ganzes Dorf auf dem Wasser — Häuser auf Stelzen, Straßen aus Holzbohlen, Schulen und Kirchen und Märkte über einem See, und als einziges Transportmittel das Einbaum-Kanu. Nicht das Touristen-Kanu.


Ich war dort und eigentlich ungeplant. Mit einer Fuji Midrange-Kamera, einem alten Nokia-Handy mit 2-Megapixel-Kamera (mit dem ich sogar ein kurzes Video gedreht habe) und einem alten Sony Ericsson Handy (da ich 2 Nummern habe). Am Ende des Tages waren alle drei Geräte nacheinander leer – erst das Nokia, dann im Pfahldorf die Fuji, und zum Schluss das Sony Ericsson. Trotzdem habe ich genug Bilder machen können, um das Leben dort festzuhalten.


Das klingt nach Erfindung, nach touristischer Übertreibung, nach einem dieser Orte die in der Wirklichkeit enttäuschen weil sie nicht halten was die Beschreibung verspricht.

Nzulezo hält es. Und dann noch etwas mehr.

Nzulezo fühlt sich an, als hätte man einem ganz normalen Dorf einfach den Boden weggezogen. Alles ist da — das Leben, die Struktur, der Alltag. Nur eben auf dem Wasser.  (c) Remo Kurka, Nzulezo

Nzulezo fühlt sich an, als hätte man einem ganz normalen Dorf einfach den Boden weggezogen. Alles ist da — das Leben, die Struktur, der Alltag. Nur eben auf dem Wasser.

Das Dorf gibt es schon seit Jahrhunderten. Die Nzema erzählen, dass ihre Vorfahren einst einer Wasserschnecke gefolgt sind — einer Art göttlicher Führerin, die sie bis zu diesem See brachte. Dort beschlossen sie zu bleiben. Sie bauten ihre Häuser auf dem Wasser, weil es Schutz bot und weil sie glaubten, dass genau das der Wille des Sees war.

. (c) Remo Kurka, Nzulezo

Der Weg dorthin — und was er bereits zeigt


Ich kam von Accra, mit dem Bus nach Takoradi, um dort Freunde zu besuchen. Und diese habem mich dazu eingeladen, Nzulezo zu besuchen. Takoradi ist Ghanas Hafenstadt, geschäftig und ohne großen Tourismusfokus — eine echte Stadt, die ihre eigene Arbeit tut. Von dort aus geht es westlich weiter, auf der Küstenstraße Richtung Axim, bis nach Beyin. Das ist die letzte Ortschaft mit einer befestigten Straße. Danach hört die Straße auf zu denken, und man ist auf sich gestellt.


Beyin selbst ist ein kleines Fischerdorf am Rand des Amansuri-Sees, der sich als flaches, grünes Wasserlabyrinth durch die Western Region zieht, bevor er schließlich auf den Atlantik trifft. Man arrangiert hier das Kanu — entweder über die lokale Community-Organisation oder direkt mit einem der Fischer. Der Preis ist verhandelbar, die Zeit im Kanu ist es nicht: zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten Paddeln durch Schilfrohr und Wasserlinsen, durch Kanäle die mal breiter und mal enger werden, vorbei an Vögeln die auf Ästen über dem Wasser sitzen und das Kanu mit einem Blick abmessen.


Ich erinnere mich an diesen Teil der Reise mit einer besonderen Stille. Der Amansuri-See hat die Eigenschaft, Geräusche zu schlucken. Das Plätschern der Paddel, ein Vogel irgendwo, das leise Knarren des Holzes — das war alles. Kein Motorenlärm, kein Hupkonzert, kein Accra. Eine andere Welt.

Fort Ussher, Jamestown.  (c) Remo Kurka, Accra

Beyin selbst ist ein kleines Fischerdorf am Rand des Amansuri-Sees, der sich als flaches, grünes Wasserlabyrinth durch die Western Region zieht, bevor er schließlich auf den Atlantik trifft. Man arrangiert hier das Kanu — entweder über die lokale Community-Organisation oder direkt mit einem der Fischer. Der Preis ist verhandelbar, die Zeit im Kanu ist es nicht: zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten Paddeln durch Schilfrohr und Wasserlinsen, durch Kanäle die mal breiter und mal enger werden, vorbei an Vögeln die auf Ästen über dem Wasser sitzen und das Kanu mit einem Blick abmessen.  (c) Remo Kurka, Nzulezo

Ghana Reisen – Speisen, Kultur Tipps & Landes-Informationen

Die Frauen am Kai


Bevor ich ins Kanu stieg, blieb ich lange stehen.

Am kleinen Kai in Beyin, dem Ausgangspunkt für alle Kanus nach Nzulezo, kamen Frauen aus dem Dorf. Nicht als Touristen, nicht zum Schauen — sie trugen Lasten. Schwere Säcke auf dem Kopf, wie man das im Norden Ghanas kennt, wie man das überall in Westafrika kennt, aber hier in einem Kontext der die Schwere noch einmal deutlicher macht: Diese Frauen würden mit diesen Säcken, die ich kaum hätte hochheben können, in ein Einbaum-Kanu steigen. Und zwanzig, fünfundzwanzig Minuten paddeln. Und drüben ankommen und die Säcke wieder auf den Kopf nehmen.


Reis, Mehl, Baustoffe, Kochtöpfe — was auch immer das Dorf braucht und was in Beyin gekauft werden kann, kommt auf diesem Weg nach Nzulezo. Es gibt keinen anderen. Keine Straße, keine Brücke, kein Motor. Nur der menschliche Körper und ein Stück ausgehöhltes Holz.


Ich habe fotografiert — gefragt, gewartet, bekommen. Die Frauen schauten kaum in die Kamera mit einem Geste welch nicht Erschöpfung zeigte, nicht Klage, sondern einfach: Das ist das Leben, das wir leben. Die Frauen waren freundlich, aber zurückhaltend. Man merkte, dass nicht jeden Tag Touristen kamen.

Das war mein erster Unterricht in Nzulezo, bevor ich überhaupt dort angekommen war.

Nzulezo - Axim verdient zwei Nächte. Heute kein Plan.Wenn du willst: Nzulezu — das Pfahldorf auf dem Wasser des Amansuri-Stausee

Nzulezo, von Beyin aus per Einbaum zugänglich, ist das Dorf eine der seltsamsten und schönsten Sehenswürdigkeiten Ghanas. Häuser auf Stelzen über dem See, Kanus als einzige Transportmittel, eine Gemeinschaft die seit Jahrhunderten so lebt.(c) Remo Kurka, Nzulezo

Das erste Bild des Dorfes


Wenn das Kanu um eine letzte Schilfbiegung biegt, erscheint Nzulezo.

Es ist kein dramatischer Anblick im Sinne von imposant oder erschütternd. Es ist ein seltsam ruhiger Anblick. Häuser auf Holzpfählen über dem See, verbunden durch breite Holzstege die als Straße, Marktplatz und Spielfläche gleichzeitig dienen. Ein paar Kanus am Ufer vertäut. Kinder die in die Stege springen und ins Wasser fallen und wieder herausklimmen. Wäsche die an Leinen hängt und über dem Wasser trocknet.


Meine Batterien gaben nacheinander den Geist auf. Ich versuchte, so viel wie möglich festzuhalten. Zuerst ging das Nokia aus – das Video vom Ankommen war zum Glück schon im Kasten. Dann, mitten im Dorf, verabschiedete sich das Nokia Handy, danach die Fuji-Kamera. Zum Schluss hielt auch das Sony Ericsson nicht mehr durch. Ich stand da mit leerem Akku und einem Gefühl, etwas ganz Besonderes erlebt zu haben.


Es ist, als hätte jemand ein normales Dorf genommen und einfach den Boden unter ihm weggenommen. Alles ist da — die Struktur, das Leben, die Normalität des Alltags. Nur eben auf Wasser.

Nzulezo existiert seit Jahrhunderten. Die Überlieferung der Nzema, des Volkes dem das Dorf gehört, erzählt, dass ihre Vorfahren einer Schnecke gefolgt sind — einer Wasserschnecke, einer göttlichen Führerin, die sie durch die Savanne und die Wälder bis an diesen See führte. Dort sagten sie: Hier bleiben wir. Und sie bauten auf dem Wasser, weil der Geist des Sees es so wollte, weil das Wasser Schutz bot vor Feinden, weil das Leben auf dem See möglich war.

Das Dorf hat eine Schule, eine Kirche, eine Gemeinschaftshalle. Alles auf Stelzen. Alles aus Holz. Alles über dem Wasser.

Nzulezo - Haeuser auf dem Wasser, mit Stegen verbundenNzulezo - Pfahlhaeuser und ein Kanu auf dem WasserNzulezo - Stege und Haeser auf dem WasserNzulezo - Stege im PfahldorfNzulezo -  Kanus am UferNzulezo - Zwei Frauen in einem Kanu

Der Chief und das Bier


Man besucht das Dorf nicht ohne den Chief zu begrüßen. Das ist keine touristische Pflicht — das ist Respekt, lokale Tradition, und außerdem, wie ich feststellte, auch aus einem anderen Grund sinnvoll.

Der Chief empfing mich in seinem Haus, das sich von den anderen durch seine Größe und durch die Gegenstände darin unterschied — traditionelle Gewänder, ein Stuhl der seinen Rang anzeigte, einige Dinge die ich nicht hätte benennen können. Er war kein alter Mann der Feierlichkeit ausstrahlt. Er war ein Mann in mittleren Jahren, entspannt, neugierig auf mich, und er hatte Bier.


Ich weiß nicht mehr genau welche Marke. Ich weiß, dass es warm war, weil es auf dem See keine Kühlmöglichkeit gibt. Und ich weiß, dass wir eine gute Stunde zusammensaßen, durch Übersetzer und manchmal direkt auf Englisch, und über das Dorf sprachen, über das Leben auf dem Wasser, über die Kinder die schwimmen lernen bevor sie laufen, über die Schnecke die sie hierher führte, über die Touristen die kamen und die Einnahmen die halfen und die Einnahmen die nicht ausreichten.


Er zeigte mir Fotos — ältere, schwarz-weiß, Vorgänger, Zeremonien, das Dorf in früheren Jahrzehnten. Die Pfahlkonstruktionen waren dieselben. Die Kanus waren dieselben. Das Wasser war dasselbe.

Es war eines jener Gespräche, die man nicht plant und die genau deshalb zu den besten der Reise gehören.

Nzulezo - Touristen Kanus, da mehr Sicherheit

Nzulezo - Touristen Kanus, da mehr Sicherheit. Das Plätschern der Paddel, ein Vogel irgendwo, das leise Knarren des Holzes — das war alles. Kein Motorenlärm, kein Hupkonzert, kein Accra. Eine andere Welt. (c) Remo Kurka

Das Leben auf dem Wasser — was man sieht wenn man schaut


Nzulezo hat zum Zeitpunkt meines Besuchs einige hundert Einwohner. Die genaue Zahl variiert je nach Quelle — manche sagen fünfhundert, manche mehr. Was nicht variiert: Fast alle kennen sich, fast alle sind auf irgendeine Art miteinander verwandt oder durch Generationen verbunden, und fast alle können paddeln bevor sie sicher laufen.


Das Paddeln lernt man als Kind. Man fällt ins Wasser. Man paddelt zurück. Man fällt wieder. Irgendwann fällt man nicht mehr. Es ist keine pädagogische Methode, es ist Realität — im wahrsten Sinne Schwimmen oder Untergehen.


Die Kanus sind das Herz des Dorfes. Mit dem Kanu geht man arbeiten — Fischen auf dem See, Einkaufen in Beyin. Mit dem Kanu geht man zur Schule, wenn die Schule auf dem Festland liegt. Mit dem Kanu kommt der Pfarrer, kommen die Lehrer, kommen die Kranken wenn sie ins Krankenhaus müssen.


Was mich am meisten beeindruckt hat, war nicht das Spektakuläre. Es war das Gewöhnliche. Zwei Männer die auf einem Steg sitzen und Netze flicken. Eine Frau die kocht, das Feuer auf einer erhöhten Metallplatte damit die Holzplanken nicht brennen. Ein Kind das schläft in einer Hängematte die zwischen zwei Pfählen gespannt ist, direkt über dem Wasser. Normaler Nachmittag. Normales Leben.

Nur eben auf einem See.

Nzulezo - Diese Frau wird mit diesem Sack und der Kiste, die ich kaum hätte hochheben könnte, in ein Einbaum-Kanu steigen

Nzulezo - Diese Frau wird mit diesem Sack und der Kiste, die ich kaum hätte hochheben könnte, in ein Einbaum-Kanu steigen. Und zwanzig, fünfundzwanzig Minuten paddeln. Und drüben ankommen und die Sack und Kiste wieder auf den Kopf nehmen. (c) Remo kurka, Nzulezo

Was sich verändert hat — und was bleibt


Nzulezo ist kein Museum. Es ist kein Freilichtpark. Es ist ein lebendes Dorf das mit denselben Fragen kämpft wie alle Dörfer in Ghana: Wie kommen die jungen Menschen zu Arbeit und Ausbildung? Wie finanziert man Gesundheitsversorgung die erreichbar ist? Wie erhält man eine Tradition am Leben ohne sie in eine Attraktion zu verwandeln?


Tourismus ist Teil der Antwort geworden — die Eintrittsgelder und Kanugebühren gehen direkt an die Gemeinde. Das ist gut, und das funktioniert, solange die Touristen kommen und solange der Tourismus respektvoll bleibt. Weniger gut ist, dass manche Besucher das Dorf behandeln als wäre es ein Themenpark — hineingehen, schnell fotografieren, wieder heraus.


Das ist nicht die richtige Art. Die richtige Art ist die, für die es Zeit braucht: Langsam durch die Stege gehen. Schauen bevor man fotografiert. Fragen bevor man nah geht. Den Chief grüßen. Bier trinken wenn es angeboten wird.

Das Dorf gibt zurück was man hineinsteckt. Eile gibt Eile zurück. Respekt gibt Begegnung zurück.



Wie du nach Nzulezo kommst


Von Accra nimmst du den Bus nach Takoradi — STC oder VIP, etwa vier Stunden. Von Takoradi aus entweder Tro-Tro oder Shared Taxi Richtung Axim, Abzweig nach Beyin. Die Fahrt von Takoradi nach Beyin dauert anderthalb bis zwei Stunden.


In Beyin organisierst du das Kanu — direkt am kleinen Kai oder über die lokale Tourismusorganisation. Der Preis für die Hin- und Rückfahrt plus Eintritt ins Dorf sollte zwischen zwanzig und dreißig Cedi liegen, je nach Verhandlung. Früh morgens fahren ist besser — das Licht ist schöner, die Hitze noch nicht unerträglich, und das Dorf erwacht langsam.


In Nzulezo selbst gibt es einfache Übernachtungsmöglichkeiten direkt auf dem Wasser — eine ungewöhnliche und sehr empfehlenswerte Erfahrung. Eine Nacht im Dorf zu verbringen gibt dir den Abend und den frühen Morgen, wenn die Touristen weg sind und das normale Leben wieder allein auf den Stegen stattfindet.


Wer von der Küste kommt: Nzulezo lässt sich gut mit Axim und Beyin kombinieren — einen Tag Strand, einen Tag Wald, einen Tag Pfahldorf.

Beste Reisezeit: November bis März, Trockenzeit. In der Regenzeit kann der See ansteigen und die Wege nach Beyin schwieriger werden.



Was ich mitgenommen habe


Ich habe Nzulezo mit einem Video verlassen, das ich seitdem mehr als einmal gezeigt habe. Nichts Dramatisches — Kanu zu dem Dorf auf dem See. Keine Kommentierung, keine Musik. Einfach das was war.


Was ich ohne Video mitgenommen habe ist schwerer zu beschreiben. Eine Art Kalibrierung vielleicht. Die Erkenntnis, dass manche Menschen Probleme mit einer Eleganz lösen — wir brauchen einen Platz zu leben, also bauen wir auf dem See — die meine Vorstellungskraft übersteigt. Dass Normalität relativ ist und von dem abhängt, was man als Kind gelernt hat. Dass eine Frau mit einem Sack Reis auf dem Kopf in einem Einbaum-Kanu mehr Gleichgewicht hat als ich je in meinem Leben haben werde.


Und dass Bier, auch wenn es warm ist, besser schmeckt wenn man es mit jemandem trinkt der etwas zu erzählen hat.

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