Skip to main content

Osu Castle — Das weiße Schloss über einem Massengrab


Remo Kurka - Es gibt in Accra einen Innenhof, über den täglich Menschen gehen — Touristen mit Kameras, Beamte auf dem Weg ins Büro, Schulkinder auf Exkursion. Der Boden unter ihnen ist weiß gekalkt und gepflastert und sauber. Er sieht aus wie ein Innenhof.

Er ist ein Massengrab.


Unter diesen Pflastersteinen, in den Schichten Erde die dänische Gouverneure "düngemittelgeeigneten Boden" nannten, liegen die sterblichen Überreste von mehr als dreihundert Menschen. Keine Namen. Keine Steine. Keine Gedenkplatte. Nur Erde, eingeschlossen unter Beton den die Briten im 19. Jahrhundert über die "pestilenten Gruben" gossen — und über dem heute Selfies gemacht werden.

Das ist Osu Castle. Das ist die Geschichte die niemand erzählt.

Fort Metal Cross, "Door Of No Return" der Sklaven.

Akosombo Port -   Die Yapei Queen ist kein Touristenschiff. Sie ist ein Stück ghanaischer Realität

(c) Remo Kurka

1661 — Die Dänen kaufen einen Hügel in Osu


Christiansborg Castle — so der offizielle Name, lokal immer Osu Castle genannt — wurde 1659 von den Dänen begonnen und 1661 fertiggestellt. Der Standort war strategisch gewählt: ein Hügel direkt am Atlantik in Osu, damals ein Ga-Fischerdorf östlich des damaligen Accra. Der dänische Gouverneur Jost Cramer erwarb das Land vom Ga-Häuptling Okaikoi für 3.200 Goldflorin.


Es war ursprünglich kein großes Fort. Klein, funktional, auf Handel ausgerichtet — Gold, Elfenbein, europäische Waren gegen afrikanische Ressourcen. Das klassische Modell der frühen Kolonialküste.

Dann änderte sich das Modell. Wie überall an der Goldküste.

Gold blieb wichtig. Aber Menschen wurden profitabler.


Zwischen 1660 und 1806 verschifften die Dänen von Osu Castle und ihren anderen Forts insgesamt zwischen 100.000 und 126.000 Afrikaner in die Sklaverei — in die dänischen Westindischen Inseln, das heutige US-amerikanische Jungferninseln. Die Zahlen stehen in dänischen Archiven, sauber buchgeführt, Kolumne für Kolumne. Einnahmen. Ausgaben. Verluste auf See.

Die Menschen hinter diesen Zahlen haben keine Namen hinterlassen.

Asameni Denkmal, Osu Castle (verbunden

Der Man und Chief der Ehre, und eigentlich der Schande.

Asameni handelte danach weiterhin mit Sklaven — genau wie die Dänen zuvor. Das ist die unbequeme Wahrheit die in den meisten Darstellungen seiner Geschichte fehlt. Er ist Held und Komplize gleichzeitig. So ist Geschichte.

Die Schlüssel von Christiansborg Castle liegen heute in einer kleinen Holzschachtel namens apem adaka im Palast der Akwamuhene in Akwamufie, in der Nähe von Atimpoku und der Volta-Brücke. 26 silberne Schlüssel, über dreihundert Jahre alt. (c) Remo Kurka

Ghana Reisen – Speisen, Kultur Tipps & Landes-Informationen

Die Kastell-Sklaven — die die nie verschifft wurden


Was weniger bekannt ist als der Sklavenhandel selbst, ist das was innerhalb des Forts geschah — mit jenen die nicht auf die Schiffe kamen.


Die "castle slaves" — Kastell-Sklaven — waren eine eigene Kategorie. Ga, Ewe, Fante, Nordghanaer, gefangen in Überfällen oder von Küstenhändlern gekauft — sie blieben im Fort. Als Arbeitskräfte, als Dienstboten, als menschliche Infrastruktur des kolonialen Betriebs. Sie schrubbten die Kanonen, schleppten Vorräte, reparierten Mauern, bedienten die Gouverneure und ihre Familien.

Sie lebten unter brutalen Bedingungen. Malaria, Ruhr, tropische Fieber griffen schnell um sich. Dänische Aufzeichnungen vermerken ihre Tode buchstäblich als Betriebsausgaben. Wenn jemand starb, wurden die Überreste in Leinensäcke gewickelt und im Innenhof verscharrt. Die dänischen Aufzeichnungen nannten das sachlich "das Befruchten des Bodens."


Archäologische Untersuchungen die 2018 im Rahmen des Christiansborg Archaeological Heritage Projects begannen — einer Zusammenarbeit ghanaischer Forscher und dänischer Nachkommen — förderten zu Tage was lange unter dem Pflaster lag: Eisenfesseln und Ketten. Tonpfeifen aus den Quartieren der Euro-afrikanischen Mischlinge. Menschliche Knochen — Oberschenkelknochen von Arbeit verdreht, Kinderschädel zu klein für Fesseln.


Die Schätzungen aus Knochenfunden und dänischen Sterbebüchern: zwischen 300 und 400 Individuen, begraben im Innenhof über zwei Jahrhunderte.

Das Ghana Museums and Monuments Board erhielt 2020 einen entsprechenden Bericht. Es hat ihn in eine Schublade gelegt.


Keine Tafel. Kein Memorial. Keine offizielle Anerkennung.

Der Grund ist nicht schwer zu finden — er heißt Unbequemlichkeit. Denn wer die Kastell-Sklaven würdigt, muss auch fragen: Wer hat sie geliefert? Wer hat die Tore geöffnet? Wer hat die Schlüssel gehalten?

Die Antwort geht tiefer als die dänischen Gouverneure.


Der Man und Chief der Ehre, und eigentlich der Schande. - Hier die Gedenktafel, zum oberen Gedenktafel des Asameni.   Asameni war ein Akwamu-Königsmitglied, ein Händler und Militärstratege. Er verkleidete sich als Koch und Dolmetscher um ins Castle zu gelangen — das war seine Tarnung, nicht sein Beruf. Der Unterschied ist erheblich: Ein Koch der das Castle übernimmt ist eine bunte Anekdote. Ein Akwamu-Königsmitglied das eine monatelange Geheimoperation plant, achtzig Männer infiltriert und das mächtigste dänische Fort an der Küste einnimmt — das ist politische und militärische Strategie auf höchstem Niveau.  (c) Remo Kurka

Asameni — der Mann mit dem Doppelleben


Im Jahr 1693 ereignete sich in Osu Castle etwas, das die Geschichte dieses Forts für immer veränderte — und das bis heute in Ghana gefeiert und missverstanden wird.

Asameni war ein Akwamu-Königsmitglied, ein erfolgreicher Händler und Krieger, klug und mehrsprachig. Er sprach fließend Dänisch — ein Können das er nutzte um sich ins Castle einzuschmuggeln, verkleidet als Koch und Dolmetscher. Er studierte das Fort monatelang von innen. Die Schiffsankünfte. Die Wachabläufe. Die Stärke der Garnison.

Im Juni 1693 schlug er zu.


Er informierte die Dänen, er wolle eine Gruppe Akwamu-Händler begleiten die Munition kaufen wollten. Achtzig schwer bewaffnete Männer, als Händler verkleidet, marschierten ins Castle. Da es übliche Praxis war, Waren vor dem Kauf zu testen, wurden ihnen Munition ausgehändigt — die sie prompt gegen die Dänen einsetzten. Dazu hatten sie zusätzliche Munition unter ihren Gewändern versteckt.


Gouverneur Janssen entkam schwer verwundet zu Fort Crevecoeur. Viele dänische Händler wurden verletzt oder als Geiseln nach Akwamu gebracht. Asameni nahm das Castle.

Er ernannte sich selbst zum Gouverneur von Christiansborg Castle. Zog die dänische Gouverneursuniform an. Ließ die Akwamu-Flagge hissen.

Und handelte. Weiter. Unverdrossen.


Was Asameni in diesem Fort tat, war strategisch und kühn — ein Afrikaner der europäische Kolonialherren mit ihren eigenen Mitteln schlug, der für über ein Jahr das Geschehen an dieser Küste kontrollierte. Das ist der Teil der Geschichte der in Ghana gefeiert wird. Sein Standbild steht am Atimpoku-Kreisverkehr in der Eastern Region, nahe der Senchi-Brücke über den Volta, in der Nähe des Akwamu-Stammgebietes. Die Schlüssel des Castles — 26 silberne Schlüssel in einem hölzernen Kästchen namens apem adaka — befinden sich noch heute als Stammesbesitz im Bogyawe Palast der Akwamuhene.

Das ist der gefeierte Teil.


Der Teil, der weniger gefeiert wird, ist dieser: Asameni und die Akwamu handelten während und nach der Übernahme des Castles weiter mit versklavten Menschen. Die Akwamu kontrollierten die Handelswege vom Landesinneren zur Küste. Sie lieferten Gefangene. Sie profitierten. Die Bedingung die sie mit den Dänen ausgehandelt hatten lautete: Kein Akwamu wird versklavt. Alle anderen waren Handelsgut.


Diese Vereinbarung wurde übrigens nicht eingehalten. Später wurden auch Akwamu selbst verschifft — einschließlich Mitglieder der königlichen Familie. 1733 erhoben sich 150 versklavte Akwamu auf der Insel St. John. Der Aufstand dauerte sechs Monate. Er wurde niedergeschlagen. Die Männer und Frauen die er anführten wurden verbrannt, gesägt, gepfählt.

Geschichte ist keine Geschichte mit Helden und Schurken. Sie ist eine Geschichte mit Menschen — die alle, in diesem System, Entscheidungen trafen.

Osu Castle. Der Eingang zum alten Innenhof, mit den verscharrten Casle Sklaven.

Osu Castle. Der Eingang zum alten Innenhof, mit den verscharrten Casle Sklaven. (c) Remo Kurka, Accra

Richters Fort und der Tunnel


Wer denkt, dass Osu Castle allein diese Geschichte trägt, kennt Richters Fort nicht.

Wenige Minuten vom Castle entfernt, in einer ruhigen Straße in Osu, steht das was von Richter House übrig ist — errichtet zwischen 1807 und 1809 von Henrich Richter, einem wohlhabenden euro-afrikanischen Händler und Sohn eines dänischen Kolonialbeamten.

Unter diesem Haus verlief ein Tunnel.


Historische Untersuchungen, Archivdokumente und archäologische Kartierungen belegen: Der Tunnel verband Richter House direkt mit den Kerkern unter Osu Castle. Er diente dazu, versklavte Menschen unsichtbar zu transportieren — vorbei an dänischen Kontrollen, vorbei an Steuern, vorbei an Augen die etwas sehen konnten. Ein privates Verteilersystem für den Sklavenhandel, direkt eingebaut in das Fundament eines Privathauses in einer Wohnstraße in Accra.

Teile des Tunnels sind noch heute dokumentiert, manche versiegelt, manche zugänglich für Forscher.


Richter House steht noch. Es gehört heute einer lokalen Familie. Es hat keine Gedenkplatte. Kaum ein Tourist kennt es. Die Verbindung zwischen diesem unauffälligen Gebäude und dem Menschenhandel der hier stattfand ist in der offiziellen ghanaischen Geschichtsschreibung nicht vorhanden.

Osu Castle, Accra - Der von Sklaven gegrabene Brunnen (Mitte) und hier ist der Platz, unter dem "Roten Teppich"

Der von Sklaven gegrabene Brunnen (Mitte) und hier ist der Platz, unter dem "Roten Teppich" und um den Blumentopf herum, wo jeder Besucher, auf die 300+ verscharrten Castle Sklaven trampelt. (c) Remo Kurka

Das Castle nach den Dänen


1850 verkauften die Dänen Osu Castle an die Briten. Was folgte, war eine weitere Kapitel der Geschichte der dieses Gebäude akkumuliert wie Schichten Farbe — jede neue Schicht über der alten, die alte immer noch darunter.


Die Briten machten das Castle zum Regierungssitz. 1862 beschädigte ein schweres Erdbeben die Obergeschosse, die Briten bauten sie neu. Von 1890 bis 1901 diente das Castle — unglaublicherweise — als Kasernenmesse und psychiatrische Anstalt. Dann wieder Regierungssitz.

1948 saß Kwame Nkrumah hier, zusammen mit den "Big Six", im Gefängnis. Derselbe Nkrumah der neun Jahre später die Unabhängigkeit ausrief, schaute von diesen Mauern aus auf das Meer und schwor sich die Ketten zu brechen.


Nach der Unabhängigkeit 1957 wurde Christiansborg Castle unter Queen Elizabeth II zunächst Government House. Als Ghana 1960 Republik wurde, war es Nkrumahs Präsidentenresidenz. Es blieb Präsidentensitz bis 2012, als Präsident John Atta Mills starb und die Residenz in das benachbarte Jubilee House verlegt wurde. Atta Mills wurde nahe dem Castle beerdigt, im Asomdwe Park, einem kleinen Vogelschutzgebiet am Meer.


Das Castle ist auf Ghanas Wappen und auf Münzen abgebildet. Es ist Teil der nationalen Identität, Symbol der Souveränität, Ort der Erinnerung.

Und unter seinem Innenhof liegen mehr als dreihundert Menschen ohne Namen.

Osu Castle - Angeblich hat Queen Elizabeth II in diesem Bett geschlafen.

Osu Castle - Angeblich hat Queen Elizabeth II in diesem Bett geschlafen. (c) Remo Kurka

Was fehlt — und warum es fehlt


Ich stehe im Innenhof von Osu Castle und schaue auf den Brunnen. Er ist noch da — der Brunnen den die Kastell-Sklaven über Jahre gruben, Stein für Stein, als Wasserversorgung für das Fort. Besucher lehnen heute über sein Geländer und schauen hinein, nie informiert dass der Boden unter ihren Füßen ein Friedhof ist.


Das GMMB hat den Bericht der Archäologen erhalten. Es hat ihn nicht umgesetzt. Kein Gedenkstein. Keine veränderte Führung. Keine Plakette die sagt: Hier ruhen mehr als dreihundert Menschen, deren Namen die Geschichte nicht aufbewahrt hat.


Der Grund hat mit Unbequemlichkeit zu tun — aber nicht nur mit der Unbequemlichkeit der dänischen Geschichte. Sondern mit der viel näheren Unbequemlichkeit der afrikanischen Beteiligung. Ga-Wächter die Schlüssel hielten. Fante-Händler die Gefangene lieferten. Akwamu-Royale die das Castle übernahmen und weiterhandelten.


Eine Gedenkplatte für die Toten würde diese Fragen aufwerfen. Sie würde verlangen dass man antwortet. Und die Antworten würden in Richtungen weisen, die niemand offiziell ansprechen will.

Das ist der eigentliche Grund für die leere Pflasterfläche.

Rechts: Der Eingang zum Sklaventunnel. Die Verbindung zwischen Richters Fort und Osu Castle

Rechts: Der Eingang zum Sklaventunnel. Die Verbindung zwischen Richters Fort und Osu Castle. Von den  Treppen wurden die Sklaven aus dem Castle, zum Strand getrieben.Dort warteten die Boote zu den Sklavenschiffen. (c) Remo Kurka

Ein Fehler in Darstellungen — und die Korrektur

Asameni war ein Akwamu-Königsmitglied, ein Händler und Militärstratege. Er verkleidete sich als Koch und Dolmetscher um ins Castle zu gelangen — das war seine Tarnung, nicht sein Beruf. Der Unterschied ist erheblich: Ein Koch der das Castle übernimmt ist eine bunte Anekdote. Ein Akwamu-Königsmitglied das eine monatelange Geheimoperation plant, achtzig Männer infiltriert und das mächtigste dänische Fort an der Küste einnimmt — das ist politische und militärische Strategie auf höchstem Niveau.


Asameni handelte danach weiterhin mit Sklaven — genau wie die Dänen zuvor. Das ist die unbequeme Wahrheit die in den meisten Darstellungen seiner Geschichte fehlt. Er ist Held und Komplize gleichzeitig. So ist Geschichte.


Was bleibt


Die Schlüssel von Christiansborg Castle liegen heute in einer kleinen Holzschachtel namens apem adaka im Palast der Akwamuhene in Akwamufie, in der Nähe von Atimpoku und der Volta-Brücke. 26 silberne Schlüssel, über dreihundert Jahre alt.

Über dreihundert Menschen liegen ohne Namen unter dem Pflaster eines Innenhofs in Osu, Accra.

Beides ist die Geschichte dieses Castles. Beides verdient Erinnerung. Und nur eines davon hat ein Denkmal.

Das muss sich ändern.

Interne Verlinkungen:


Ghana von A bis Z
Über 100 Artikel – entdeckt Eure Themen.
‹
›