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Die ausradierten Gräber von Osu — Wessen Namen wurden entfernt, und warum?


Remo Kurka - Drei Minuten vom Parlament der Republik Ghana entfernt liegt ein Friedhof. Wer ihn kennt, kennt meist nur einen Teil davon — den gut gepflegten Commonwealth-Teil mit den weißen Grabsteinen der alliierten Soldaten des Zweiten Weltkriegs, ordentlich in Reihen, unter internationaler Aufsicht. Dieser Teil sieht aus wie ein Friedhof aussehen soll.

Dahinter liegt ein anderer Friedhof.


Derselbe Friedhof, aber eine andere Welt. Unkraut, schiefliegende Steine, verwitterte Inschriften — und dann, in einer ausgerichteten Reihe, über fünfzig Gräber aus der Kolonialzeit mit einem gemeinsamen Merkmal: Die Namen sind weg. Nicht verwittert, nicht unleserlich geworden. Entfernt. Systematisch. Absichtlich.

Das ist das Osu Military Cemetery. Und was hier passiert ist, verdient Antworten die noch niemand gegeben hat.

Osu Military Cemetery - Die ausradierten Gräber. Ohne Namen, bis auf ein Grab, von 50+

Osu Military Cemetery - Die ausradierten Gräber. Ohne Namen, bis auf ein Grab, von 50+ (c) Remo Kurka, Accra, Ghana

Der Friedhof in drei Schichten


Wer das Osu Military Cemetery in Accra betritt, betritt eigentlich drei verschiedene Orte die nebeneinander existieren — wie Zeitschichten die übereinander gelegt wurden, jede mit ihrer eigenen Geschichte und ihrem eigenen Grad von Erinnerung und Vergessen.


Als ich das erste Mal vor den Gräbern stand, spürte ich sofort ein unangenehmes Gefühl – irgendetwas stimmte nicht. Die Grabsteine wirkten seltsam leer, fast steril. Erst beim genaueren Hinsehen wurde mir klar, warum.


Die erste Schicht ist der Commonwealth War Graves Abschnitt. Gepflegt, international überwacht, mit weißen Grabsteinen die die gefallenen alliierten Soldaten des Zweiten Weltkriegs ehren. Briten, Westafrikaner, Angehörige des Gold Coast Regiment. Jeder Stein trägt einen Namen, ein Datum, ein Regiment. Diese Gräber sind unter dem Schutz der Commonwealth War Graves Commission — einer internationalen Organisation die sicherstellt, dass kein Kriegsgrab verloren geht oder verändert wird.


Die zweite Schicht ist der größere Hauptteil des Friedhofs — ghanaische Militärangehörige aus der Nachunabhängigkeitszeit, mit Grabsteinen in unterschiedlichem Zustand, manchen gut erhalten, manchen verwittert aber noch lesbar. Hier liegen Soldaten der Ghana Armed Forces, aus verschiedenen Jahrzehnten.


Die dritte Schicht ist das was man erst findet wenn man hinter den Zweiten Weltkrieg geht — in den älteren, weniger besuchten Teil des Friedhofs. Und hier beginnt die Geschichte die niemand erzählt.

Accra, Ghana - Das nun nicht mehr existierender Denkmal von  Sgt. Adjetey. Es steht in Fragmenten, noch immer in La Accra. Jedoch ohne Sgt. Adjetey.

Accra, Ghana - Das nun nicht mehr existierender Denkmal von  Sgt. Adjetey. Es steht in Fragmenten, noch immer in La Accra. Jedoch ohne Sgt. Adjetey.

Hier ist die Frage die ich aufgewerfe — und die historisch faszinierend und unbequem zugleich ist:

Die kolonialen Polizeitruppen die auf Adjetey und seine Männer schossen, waren nicht ausschließlich britische Offiziere. Die koloniale Polizei der Goldküste setzte sich aus britischen Kommandeuren und afrikanischen Constables zusammen. Superintendent Imray befahl — aber wer führte aus? (c) Remo kurka

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Die ausradierten Gräber — was genau zu sehen ist


Ich habe den Friedhof besucht und dokumentiert. Was ich in diesem hinteren Bereich vorgefunden habe, lässt sich nicht mit natürlichem Verfall erklären.


Über fünfzig Gräber aus der Kolonialzeit — alle in einer ausgerichteten Reihe — zeigen dasselbe Bild: Die Grabsteine stehen noch. Die Steinstruktur ist intakt. Aber die Inschriften sind entfernt. Nicht verblasst, nicht verwittert, nicht von Flechten überwachsen. Entfernt. In manchen Fällen mechanisch abgeschliffen. In anderen Fällen überschrieben — neue Platten über alte Inschriften gesetzt.


Ich stand eine Weile vor den Gräbern und versuchte mir vorzustellen, wer diese Menschen waren – und warum jemand ihre Namen so gründlich tilgen wollte. Es fühlte sich an wie eine zweite Auslöschung.


Das ist keine zufällige Vernachlässigung. Vernachlässigung ist ungleichmäßig. Was ich hier sehe, ist gleichmäßig — eine Reihe, eine Methode, ein Ergebnis. Die Erasuren sind systematisch und unmissverständlich.


In mindestens einem dokumentierten Fall wurde ein neuerer Grabstein aus dem Jahr 2000 direkt über einem älteren kolonialen Grab platziert. Darunter liegt die ursprüngliche Inschrift — verborgen, aber nicht zerstört. Abgedeckt. Überschrieben. Wie Geschichte selbst manchmal überschrieben wird.

Und dann sind da die Kindergräber. Mitten in einem Militärfriedhof. Ein Kind namens Douglas Lang — vier Jahre alt, kein Datum, nur die Worte "Our Dear Son. Aged 4 Years." Ein Baby namens Terry — vierzehn Monate alt, gestorben 1954, auf einem Militärfriedhof begraben. Kinder die bis 1963 und möglicherweise darüber hinaus hier begraben wurden — in einem Friedhof der offiziell für Soldaten gedacht war.


Warum? Wessen Kinder? Wessen Männer?

Kindergrabstellen. Hier eines von Vielen! Die verfallenen Grabstellen. versteckt! Osu Military Cemetery,

Kindergrabstellen. Hier eines von Vielen! Die verfallenen Grabstellen. Versteckt! Osu Military Cemetery, Acca, Ghana. Vergessen (c) Remo Kurka

Die Frage die mich nicht loslässt


Und dann ist da eine Frage — eine die ich für historisch hochrelevant halte, auch wenn sie bisher niemand explizit gestellt hat:

Haben die ausradierten Gräber etwas mit dem 28. Februar 1948 zu tun?


Ich werde die Geschichte kurz erzählen, denn sie ist fundamental für das Verständnis Ghanas.


Am 28. Februar 1948 marschierten unbewaffnete ghanaische Kriegsveteranen durch Accra. Sie hatten im Zweiten Weltkrieg in Burma und anderen Kriegsschauplätzen für das britische Empire gekämpft — im Gold Coast Regiment der Royal West African Frontier Force. Sie hatten alles gegeben. Und nach dem Krieg bekamen sie: Armut, gebrochene Versprechen, keine Pensionen, keine Unterstützung.


Sie marschierten friedlich zur Christiansborg Castle — zu Osu Castle — um dem Gouverneur eine Petition zu überreichen. Nichts Gewaltsames. Nichts Illegales.


Am Christiansborg Crossroads — dem Kreisverkehr direkt vor dem Castle — wurden sie von kolonialen Polizeitruppen gestoppt. Superintendent Colin Imray befahl seinen Leuten zu schießen. Die schossen in die Luft. Imray selbst griff sich ein Gewehr und schoss in die Menge.

Sergeant Cornelius Adjetey starb auf der Stelle. Corporal Patrick Attipoe starb. Private Odartey Lamptey starb.


Drei unbewaffnete Männer. Veteranen. An dem Tag getötet, an dem sie um ihre rechtmäßigen Kriegsleistungen baten.


Was folgte, waren fünf Tage Aufruhr in Accra und im ganzen Land. Über 137 Menschen starben. Die Briten verhafteten Kwame Nkrumah und die "Big Six". Die Watson-Kommission untersuchte die Ereignisse. Und was daraus entstand, war der Weg zur Unabhängigkeit — am 6. März 1957 wurde die Goldküste Ghana, der erste unabhängige Staat Schwarzafrikas.

Der 28. Februar 1948 ist der Startschuss der ghanaischen Unabhängigkeit.

Osu Military Cemetery, Acca, Ghana - Ein Kindergrab - Vergessen

Osu Military Cemetery, Acca, Ghana - Ein Kindergrab - Vergessen (c) Remo Kurka

Wer stand auf welcher Seite?


Hier ist die Frage die ich aufgewerfe — und die historisch faszinierend und unbequem zugleich ist:


Die kolonialen Polizeitruppen die auf Adjetey und seine Männer schossen, waren nicht ausschließlich britische Offiziere. Die koloniale Polizei der Goldküste setzte sich aus britischen Kommandeuren und afrikanischen Constables zusammen. Superintendent Imray befahl — aber wer führte aus?


Die Soldaten die an jenem Tag auf dem Christiansborg Crossroads standen, auf der Seite der kolonialen Ordnungsmacht, gehörten zum System das die Briten aufgebaut hatten. Manche von ihnen mögen im Osu Military Cemetery begraben liegen.


Und wenn die ausradierten Gräber — in ihrer systematischen, ausgerichteten Reihe — Angehörige dieser kolonialen Polizei oder Militäreinheiten sind, dann ist die Rasur ihrer Namen eine politische Handlung. Eine Handlung die sagt: Diese Menschen standen auf der falschen Seite der Geschichte. Ihre Namen verdienen keine Erinnerung.


Das ist eine verständliche Emotion. Aber es ist keine akzeptable Praxis.

Ein weiteres Kindergrab. Osu Military Cemetery, Acca, Ghana. Vergessen

Ein weiteres Kindergrab. Osu Military Cemetery, Acca, Ghana. Vergessen (c) Remo Kurka

Niemand verdient es, dass sein Grab ausgelöscht wird


Das ist der Punkt ist der moralische Kern dieses Themas.

Der Tod ist der Preis den wir alle zahlen. Jeder Mensch der stirbt, hat diesen Preis bezahlt — unabhängig davon auf welcher Seite der Geschichte er stand, welche Fehler er machte, welches System er unterstützte.


Die Briten die diese Goldküste kolonisierten, haben Verbrechen begangen. Die afrikanischen Kollaborateure die ihnen dabei halfen, haben ebenfalls Schuld auf sich geladen. Die Polizisten die am 28. Februar 1948 ihre Gewehre auf unbewaffnete Männer richteten, haben etwas Falsches getan.

Aber sie sind tot. Und ihre Gräber sind der letzte Rest ihrer Existenz auf dieser Erde.


Sie auszuradieren löst keine historische Schuld. Es löscht nur die Möglichkeit, die Geschichte vollständig zu verstehen. Es macht aus einem Friedhof ein selektives Denkmal — und aus Geschichte eine Propaganda.


Wenn die ausradierten Gräber wirklich kolonialer Polizisten oder Soldaten sind die gegen die Veteranen standen — dann wäre die richtige Reaktion nicht, ihre Namen zu löschen. Die richtige Reaktion wäre, sie neben die Namen der drei getöteten Veteranen zu stellen und zu sagen: Hier ist die vollständige Geschichte. Hier ist das Werkzeug des Imperiums und hier ist sein Widerstand. Lernt aus beidem.

Was der Gordon Highlander dort macht


Einer der Grabsteine die ich dokumentiert habe, gehört einem Angehörigen der Gordon Highlanders — einem schottischen Regiment das in Westafrika eigentlich nichts zu suchen hatte.

Sergeant R. S. Wherrit, 22202543. Ein Mann der in einem Land starb, in dem er nach allem was man über die Stationierung der Gordon Highlanders weiß, nicht hätte sein sollen.


Was tut ein schottischer Sergeant bei einem Militärfriedhof in Accra? Das ist genau die Art von Frage, die dieser Friedhof aufwirft — und die niemand beantworten kann, solange die Gräber ausradiert und undokumentiert sind.


Jedes dieser Gräber trägt eine Geschichte. Jede ausgelöschte Inschrift ist eine Geschichte die vielleicht für immer verloren ist.

Die verfallenen Grabstellen. versteckt! Osu Military Cemetery, Acca, Ghana. Vergessen

Die verfallenen Grabstellen. versteckt! Osu Military Cemetery, Acca, Ghana. Vergessen 

(c) Remo Kurka

Der vergessene Teil — Kinder, Soldaten und die Zeit nach der Unabhängigkeit


Der hintere Teil des Friedhofs, hinter dem Zweiten Weltkrieg, ist das was mich am meisten schockiert hat. Nicht die Militärgräber — die erwarte ich hier. Sondern das was dazwischen liegt.

Kindergräber. Bis 1963, möglicherweise später. Ein Friedhof der offiziell für Militärangehörige gedacht ist, mit Gräbern von Kindern die offensichtlich keine Soldaten waren.


Wessen Kinder? Kinder von britischen Offizieren und Kolonialbeamten, die in Accra starben. Das Klima der Goldküste war tödlich für Europäer — Malaria, Gelbfieber, tropische Krankheiten. Wenn die Eltern Militärangehörige waren, wurden vielleicht auch ihre Kinder auf dem Militärfriedhof begraben.


Diese Kinder haben keine Schuld. Sie haben keine Geschichte mit kolonialer Ordnungsmacht oder mit dem 28. Februar 1948. Sie sind Kinder die gestorben sind, fern von Europa, in einem Land das nicht ihres war — und ihre Gräber sind so verlassen wie alle anderen in diesem Teil des Friedhofs.

Das ist das vielleicht bitterste Detail: dass selbst die Kindergräber niemanden interessieren.


Als ich dort zwischen den Gräbern stand, begleitet vom leisen Rauschen der Bäume und dem Verkehrslärm von Accra, wurde mir klar, wie nah Geschichte und Gegenwart hier noch immer beieinanderliegen.



Was jetzt getan werden muss


Drei Dinge sind notwendig und keine davon ist optional wenn man diese Stätte ernst nimmt:

Erstens: eine vollständige archäologische und historische Dokumentation aller Gräber — Commonwealth Sektion, Hauptteil und besonders der hintere Bereich mit den ausradierten Gräbern. Fotographisch, epigraphisch, historisch. Bevor noch mehr verloren geht.


Zweitens: eine offizielle Untersuchung durch die Ghana Armed Forces und das GMMB wer die Entscheidung traf, Grabsteine auszuradieren, wann das geschah, und nach welchem Kriterium ausgewählt wurde. Diese Fragen haben öffentliche Antworten verdient.


Drittens: ein Gespräch über das Prinzip. Darf Geschichte durch das Löschen von Namen aufgearbeitet werden? Die Antwort muss Nein sein — nicht weil die Vergangenheit schutzbedürftig wäre, sondern weil die Zukunft das vollständige Bild braucht.



Und hier noch ein weitere kurze Information


Der Friedhof enthält Gräber die deutlich älter sind als der Zweite Weltkrieg. Der älteste Teil stammt aus der Kolonialzeit, lange vor 1939.

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