Paga — Wo man ein Krokodil anfasst und danach nicht mehr genau weiß, wer wen beobachtet hat
Remo Kurka - Es gibt Momente auf Reisen, die man nicht plant. Man ist einfach dort, und dann passiert etwas, und danach schaut man ein bisschen anders auf die Welt.
Für mich war das in Paga.
Ich saß auf dem staubigen Boden am Rand eines Teiches, die Mittagssonne brannte auf den roten Laterit, und etwa einen Meter von mir entfernt lag ein Krokodil. Kein kleines. Keines das schläft und dabei harmlos wirkt. Ein großes, waches, vollständig anwesendes Krokodil mit Augen, die in eine Richtung schauen die ich nicht ganz einordnen konnte — geradeaus oder durch mich hindurch, das war schwer zu sagen. Mein Guide sagte etwas auf Kassena. Das Krokodil blieb wo es war. Ich auch. Und dann legte mein Guide meine Hand auf den Rücken des Tieres, und ich spürte die Schuppen, kühl und trocken trotz der Hitze, und dachte: Das ist also das hier.
Ich bin nach wie vor nicht ganz sicher, wer in diesem Moment ruhiger war — das Krokodil oder ich. Ich glaube das Krokodil.
Paga liegt im äußersten Norden der Upper East Region, so weit nördlich, dass der Grenzübergang zu Burkina Faso buchstäblich am Ortsrand liegt. Ein Schild, ein paar Beamte, ein Schlagbaum — und auf der anderen Seite beginnt ein anderes Land. Das ist einer jener afrikanischen Grenzübergänge, an denen man merkt, dass Grenzen Erfindungen sind, da die Einheimischen sowieso, die Grenze kaum als solche Wahrnemen. (c) Remo Kurka, Accra
Paga liegt am Ende einer roten Straße
Paga liegt im äußersten Norden der Upper East Region, so weit nördlich, dass der Grenzübergang zu Burkina Faso buchstäblich am Ortsrand liegt. Ein Schild, ein paar Beamte, ein Schlagbaum — und auf der anderen Seite beginnt ein anderes Land. Das ist einer jener afrikanischen Grenzübergänge, an denen man merkt, dass Grenzen Erfindungen sind und die Landschaft auf beiden Seiten identisch weiterläuft — roter Boden, Savanne, Baobab-Bäume, blauer Himmel.
Von Bolgatanga aus nach Paga sind es knapp sechzig Kilometer, mit dem Tro-Tro oder Shared Taxi etwa eine Stunde. Wer aus Tamale kommt, plant den Stopp in Bolgatanga ein und fährt von dort weiter. Die Straße ist geteert und gut zu fahren.
Navrongo liegt auf dem Weg — und der Dom dort, die Navrongo-Kathedrale, ist allein schon einen kurzen Stopp wert. Ein Kirchengebäude aus Lehm, vor über hundert Jahren von weißen Missionären und lokalen Handwerkern gemeinsam gebaut, mit Fresken im Inneren die biblische Szenen in ghanaische Gewänder kleiden. Das ist auf seine eigene Weise genauso unvergesslich wie das was in Paga wartet.
Aber das Krokodil wartet.
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Die Geschichte hinter dem Teich
Die Kassena, das Volk das hier seit Jahrhunderten lebt, erzählen die Geschichte so: Ein Jäger war auf der Flucht. Ein Löwe hinter ihm, ein Fluss vor ihm — keine Chance. Da kam ein Krokodil. Trug den Jäger ans andere Ufer. Und dieser Jäger, gerettet und dankbar, schloss einen Pakt: sein Volk und die Krokodile würden fortan in Frieden leben. Keines würde dem anderen schaden.
Dieser Pakt ist nicht gebrochen worden. Seit Generationen.
Die Krokodile von Paga werden nicht als Tiere betrachtet — sie sind Vorfahren. Reinkarnierte Seelen der Ahnen, die als Hüter des Teiches und der Gemeinschaft zurückgekehrt sind. Wenn ein Krokodil stirbt, wird es begraben wie ein Mensch. Wenn ein Mensch aus Paga stirbt, so sagen manche, erscheint gleichzeitig ein neues Krokodil im Teich. Niemand kann das beweisen. Niemand in Paga zweifelt daran.
Kein Einwohner von Paga hat je von einem Krokodil angegriffen wurde. Das ist keine Legende — das ist die lebendige Realität dieses Ortes, die sich täglich bestätigt wenn Kinder am Ufer spielen und die Tiere träge daneben liegen.
Die Krokodile von Paga werden nicht als Tiere betrachtet — sie sind Vorfahren. Reinkarnierte Seelen der Ahnen, die als Hüter des Teiches und der Gemeinschaft zurückgekehrt sind. Wenn ein Krokodil stirbt, wird es begraben wie ein Mensch. (c) Remo Kurka, Bolga
Was passiert wenn du ankommst
Am Chief's Pond — dem Hauptteich in Paga — wirst du von lokalen Guides empfangen. Der Eintritt ist günstig, und ich empfehle sehr, einen Guide zu nehmen — nicht weil es eine Touristenattraktion ist die erklärt werden muss, sondern weil der Guide der Vermittler zwischen dir und dem Ort ist. Er weiß welche Krokodile heute ruhig sind. Er weiß wie man sich nähert. Er spricht die Sprache — im wörtlichen und übertragenen Sinn.
Eine lebende Henne gehört zur Tradition. Du kaufst sie vor Ort, sie wird als Opfergabe in Richtung des Wassers gehalten, und das Krokodil kommt. Nicht immer sofort, nicht auf Befehl — es kommt wenn es will. Das ist der erste Moment in dem du verstehst: Du bist hier der Gast. Nicht das Krokodil.
Dann die Begegnung. Du kannst nah heran, du kannst berühren, du kannst dich setzen. Die Tiere sind vollkommen ruhig — nicht weil sie zahm wären im westlichen Sinne, sondern weil dieser Teich ihr Zuhause ist und du offensichtlich keinen Ärger machst. Mein Guide sagte mir: "They don't fear you. They just don't care." Das war ehrlicher als jede Touristenbroschüre.
Was ich gespürt habe, als ich die Hand auf diesen Rücken legte, ist schwer zu beschreiben. Keine Angst mehr — die war vorher da, die hatte ich redlich überwunden. Eher etwas wie Staunen. Dieses Tier ist eine lebendige Verbindung zu etwas Altem. Nicht romantisch alt, sondern wirklich alt — ein Tier das seit Millionen von Jahren so aussieht wie heute, und ein Volk das seit Jahrhunderten eine Vereinbarung mit ihm hält, die beide Seiten respektieren. Ich war kurz Teil von etwas, das mich weit übersteigt.
Das klingt groß. Es war groß.
Eine lebende Henne gehört zur Tradition. Du kaufst sie vor Ort, sie wird als Opfergabe in Richtung des Wassers gehalten, und das Krokodil kommt. Nicht immer sofort, nicht auf Befehl — es kommt wenn es will. Das ist der erste Moment in dem du verstehst: Du bist hier der Gast. Nicht das Krokodil.(c) Remo Kurka, Paga
Was du rund um Paga noch siehst
Paga ist mehr als der Krokodilteich — und wer einen ganzen Tag einplant, wird das merken.
Das Pikworo Slave Camp liegt etwa drei Kilometer außerhalb des Ortes und ist einer der erschütterndsten Orte, die ich in Ghana besucht habe.
Hier wurden versklavte Menschen auf dem Weg zur Küste gesammelt, bevor der lange Marsch nach Süden begann — nach Cape Coast, nach Elmina, in die Schiffe. Felsformationen mit Vertiefungen, in denen die Gefangenen Nahrung zermahlten. Steine, auf denen sie saßen und warteten. Eine Trommel, deren Klang bedeutete: Wer geht, kommt nicht wieder. Kein Museum, kein Kommentar — nur die Steine und der Himmel und das was dort passiert ist. Ich stand dort lange.
Und dann war da noch der Grenzübergang zu Burkina Faso, den ich mir nicht verkneifen konnte. Ein kurzer Spaziergang, ein Blick über die Grenze, ein freundlicher Grenzbeamter der mich fragte woher ich komme. Auf der anderen Seite: die gleiche rote Erde, die gleichen Baobab-Bäume, der gleiche Himmel. Grenzen sind wirklich Erfindungen.
Ein praktischer Hinweis zum Schluss
Paga erreicht man am bequemsten von Bolgatanga aus — knapp sechzig Kilometer, eine Stunde Fahrt. Wer von Tamale kommt, plant am besten eine Nacht in Bolgatanga ein. Das Blue Sky Hotel in Zuarungu liegt nur wenige Kilometer von Paga entfernt und ist eine gute Basis für die gesamte Upper East Region.
Plane mindestens einen halben Tag für Paga selbst ein — den Teich, das Pikworo Slave Camp, vielleicht den Grenzübergang.
Wer die bemalten Häuser von Sirigu noch nicht gesehen hat, kombiniert beides am besten zu einem vollen Nordghana-Tag. Beide Orte gemeinsam erzählen mehr über die Kassena und ihre Welt als jeder Text es könnte.
Und komm morgens. Der frühe Vormittag ist am schönsten — das Licht ist besser für Fotos, die Hitze noch erträglich, und die Krokodile sind aktiver als in der Mittagshitze, wenn alle — Menschen und Krokodile gleichermaßen — in den Schatten geflüchtet sind.
Was bleibt
Ich habe nach meinem Besuch in Paga ein Foto angeschaut, das ich dort gemacht habe. Die Hand meines Begleiters auf dem Rücken eines Krokodils, sein Gesicht irgendwo zwischen Konzentration und Unglaube. Der Guide neben mir, leicht amüsiert.
Was mich an diesem Foto immer noch beschäftigt ist nicht die Hand auf dem Krokodil. Es ist der Blick des Krokodils. Es schaut nicht mich an. Es schaut irgendwohin, in eine Richtung die ich nicht sehe, mit einer Ruhe die ich nie haben werde.
Vielleicht schaut es auf die Generationen vor mir, die auch schon da standen. Vielleicht schaut es einfach auf das Wasser.
Beides wäre vollkommen in Ordnung.
Interne Verlinkungen:
- → Mit dem Tro-Tro durch Nordghana — Tamale, Bolgatanga und wie man hinkommt
- → Die bemalten Häuser von Sirigu — Gurunsi Dörfer besuchen
- → Bolgatanga — das Tor zur Sahelzone
- → Mole Nationalpark — Elefanten im wilden Norden
- → Ghana Sicherheit und Gesundheit — Tipps für den Norden
