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Die unbequeme Wahrheit über den Sklavenhandel — Wer wirklich hinter der "Door of No Return" stand


Remo Kurka - Ich habe oft in Cape Coast Castle gestanden. Bin durch die Dungeons gegangen, durch die engen, dunklen Gänge unter dem weißen Gemäuer, das in der Sonne so unschuldig glänzt. Habe durch die "Door of No Return" geschaut, auf den Atlantik, der an diesem Tag ruhig und blau war und sich um nichts scherte. Habe die Informationstafeln gelesen, die Führungen gehört, die Emotionen der Besucher gesehen — viele weinten, besonders jene aus der afrikanischen Diaspora, die hierher gekommen waren um etwas zu verstehen über das Leid ihrer Vorfahren.

Das alles war real und wichtig.


Und doch fehlte etwas. Jedes Mal. Ein Teil der Geschichte der in den Führungen nicht vorkommt, auf den Tafeln nicht steht, in den gängigen Erzählungen über Cape Coast und Elmina kaum auftaucht: Wer hat diese Menschen eigentlich hierher gebracht?


Die Antwort ist unbequem. Und genau deshalb muss sie erzählt werden.

Transatlantischer Sklavenhandel. Die Wahrheit! (c) Remo Kurka, Cape Coast

Ein Teil der Geschichte der in den Führungen nicht vorkommt, auf den Tafeln nicht steht, in den gängigen Erzählungen über Cape Coast und Elmina kaum auftaucht: Wer hat diese Menschen eigentlich hierher gebracht? (c) Remo Kurka, Cape Coast

Die Geschichte die wir kennen — und die die wir nicht kennen


Die Version des transatlantischen Sklavenhandels, die in Schulbüchern, Dokumentarfilmen und Museumstafeln dominiert, ist diese: Europäische Händler kamen mit Schiffen an die westafrikanische Küste, bauten Forts und Schlösser, und verschleppten Afrikaner über den Atlantik in die Sklaverei. Europa als Täter. Afrika als Opfer.


Das stimmt. Und es stimmt nicht vollständig.


Was diese Erzählung ausblendet ist die Tatsache, dass der transatlantische Sklavenhandel ohne die aktive, profitable und über Jahrhunderte aufrechterhaltene Beteiligung afrikanischer Königreiche und Handelseliten nicht in diesem Ausmaß möglich gewesen wäre. Die Europäer kamen mit Schiffen — aber sie kamen nicht mit Jagdtrupps ins Landesinnere. Sie saßen in ihren Forts an der Küste und warteten. Was zu ihnen kam, wurde von anderen gebracht.


Von Afrikanern.

Reste des Richters Fort, Osu (c) Remo Kurka, Accra

Reste des Richters Fort, Osu - Vor dem Fotografieren UNBEDINGT um Erlaubnis fragen!  Was dort noch steht, wird bewohnt! (c) Remo Kurka, Bolgatanga

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Die Fante — Händler zwischen den Welten


Die Fante sind das Küstenvolk, das Cape Coast und Elmina seit Jahrhunderten bewohnt. Geschickte Händler, erfahrene Seemänner, politisch klug und wirtschaftlich ambitioniert. Als die Europäer kamen — zuerst die Portugiesen, dann die Niederländer, dann die Briten — erkannten die Fante-Chiefs sofort die wirtschaftliche Gelegenheit.


Sie wurden zu unverzichtbaren Vermittlern im Sklavenhandel. Sie organisierten den Handel zwischen dem Landesinneren und der Küste. Sie verhandelten Preise. Sie lieferten die Ware — Menschen, meist Kriegsgefangene oder Schuldner aus dem Landesinneren, manchmal auch Mitglieder konkurrierender Gemeinschaften die in Konflikte verwickelt worden waren. Für jeden gelieferten Sklaven bekamen die Fante-Chiefs europäische Waren: Schusswaffen, Alkohol, Textilien, Metallwaren.


Es war ein Geschäft. Und die Fante machten es gut (Siehe z.B. Anamabo Fort, nahe Cape Coast).


Das ist kein Angriff auf die Fante als Volk (Meine Frau ist eine Fante). Es ist Geschichte. Die Fante haben auch Widerstand geleistet — gegen bestimmte europäische Praktiken, gegen die Übergriffe auf ihre eigenen Communities. Und genau deshalb ist das Bild komplex: Täter, Opfer, Mitläufer, Widerständige — manchmal dieselbe Person, manchmal dieselbe Generation.

Elmina castle mit Fischerbooten, (c)Remo Kurka, Elmina

Elmina Castle, Ghana. (c) Remo Kurka, Elmina

Die Ashanti — das mächtigste Imperium im Handel mit Menschen


Wenn man über afrikanische Beteiligung am Sklavenhandel spricht, kommt man an den Ashanti nicht vorbei. Das Ashanti-Imperium war im 18. und frühen 19. Jahrhundert die dominierende Macht im heutigen Ghana — militärisch stark, wirtschaftlich reich, politisch sophisticated. Und ein zentraler Akteur im transatlantischen Sklavenhandel.


Das Ashanti-Reich expandierte durch Krieg. Kriegsgefangene wurden zu Sklaven. Manche blieben im Reich als Arbeitskräfte, andere wurden an die Küste verkauft — an die Fante-Vermittler, von dort in die Forts der Europäer, von dort auf die Schiffe. Pro Jahr, auf dem Höhepunkt des Handels, wurden tausende Menschen auf diesem Weg verschifft. Tausende. Jedes Jahr. Über Jahrzehnte.


Der Asantehene — der König der Ashanti — wusste genau, was mit diesen Menschen geschah. Es war kein Geheimnis. Es war Staatspolitik. Die Einnahmen aus dem Sklavenhandel finanzierten die Ashanti-Armee, die Ashanti-Expansion, den Ashanti-Hof. Der Reichtum Kumasis im 18. Jahrhundert hatte auch diesen Preis.


Das Ashanti-Volk war gleichzeitig eines der größten Lieferanten von Sklaven an die Europäer — und eines der Völker das selbst immer wieder von seinen Feinden mit Sklaverei bedroht wurde. Wer siegte, verkaufte. Wer verlor, wurde verkauft. Das war die brutale Logik dieser Zeit.

Jamestown. Die Wahrheit ueber den Transatlantischen Sklavenhandel.

Was heute in Jamestown fast niemand weiß: Die Grabstätten der britischen, amerikanischen und dänischen Händler die in James Fort starben sind noch dort, teilweise überwachsen, teilweise zerstört. Ich habe sie fotografiert. Drei Grabplatten, kaum lesbar, in einem Innenhof der nach nichts riecht außer nach Vergessenheit. Die Geschichte liegt buchstäblich im Boden — aber niemand hebt sie auf.l.(c) Remo Kurka, Jamestown

Die Ga — Accras Handelselite


Die Ga, das Küstenvolk der heutigen Hauptstadt Accra, spielten eine ähnliche Rolle wie die Fante weiter westlich. Accra war im 17. und 18. Jahrhundert ein wichtiger Umschlagplatz im Sklavenhandel — mit dem niederländischen Ussher Fort, dem britischen James Fort und dem dänischen Christiansborg Castle (Osu Castle), als zentrale Einrichtungen. Auch war da ein Richters Fort. Gebaut von eine Dänisch-Ga Familie. Duch einen Untergrundtunnel wurdwn Sklaven nach Osu Castle verbracht. Bis etwa 1849! Ter Tunnel existiert heute noch. Das Richter Fort in wenigen Fragmenten.


Die Ga-Chiefs kontrollierten den Zugang zu diesen Forts. Sie vermittelten, handelten, lieferten. James Fort in Jamestown — heute ein verfallenes, kaum beachtetes Mahnmal am Rande Accras — war einer der wichtigsten Slavenumschlagplätze Westafrikas. Die Ga wussten das. Viele profitierten davon.


Was heute in Jamestown fast niemand weiß: Die Grabstätten der der britischen, amerikanischen und dänischen Händler  die in James Fort starben sind noch dort, teilweise überwachsen, teilweise zerstört. Ich habe sie fotografiert. Drei Grabplatten, kaum lesbar, in einem Innenhof der nach nichts riecht außer nach Vergessenheit. Die Geschichte liegt buchstäblich im Boden — aber niemand hebt sie auf.


Warum wird das nicht erzählt?


Das ist die Frage die mich am meisten beschäftigt. Nicht als Anklage, sondern als echte Neugier: Warum ist die Beteiligung afrikanischer Königreiche am transatlantischen Sklavenhandel in der öffentlichen Erzählung so systematisch ausgeblendet?

Mehrere Antworten kommen in Frage.


Die einfachste: Es ist unbequem. Die Nachkommen der Ashanti, der Fante und der Ga leben heute in Ghana, sind Teil der Gesellschaft, stellen Politiker und Kulturführer. Eine offene Auseinandersetzung mit der Mittäterschaft ihrer Vorfahren würde alte Wunden aufreißen — zwischen Völkern, zwischen Regionen, zwischen historischen Gruppen.


Die politischere: In der globalen Erzählung über Sklaverei, Kolonialismus und Reparationen ist ein klares Täter-Opfer-Bild nützlicher als ein komplexes. Wenn Afrika nur Opfer war, ist die moralische Forderung nach Wiedergutmachung an Europa einfacher zu formulieren. Sobald die Komplexität hereinkommt, wird es schwieriger.


Die historische: Die europäischen Kolonialmächte hatten selbst Interesse daran, ihre eigene Rolle zu vereinfachen. Britische Kolonialhistoriker betonten die angebliche Zivilisierungsmission und stellten die afrikanischen Partner gerne als passive Objekte dar — was sowohl die afrikanische Handlungsmacht als auch die afrikanische Mitschuld unsichtbar machte.


Das Ergebnis: Eine Geschichte die nur halb erzählt wird. Und eine Erinnerungskultur die auf halbem Weg stehen bleibt.


Was echte Aufarbeitung bedeutet


Die Denkyira, ein Empire vor dem Ashanti Empire, ein Volk im heutigen Centralregion, wurden 1700 selbst von den Ashanti besiegt und versklavt — manche ihrer Vorfahren gingen durch genau dieselben Dungeons von Cape Coast Castle wie jene, die Ashanti-Händler dorthin gebracht hatten. Die Geschichte ist ein Kreis aus Macht und Ohnmacht, und je nachdem wo man in diesem Kreis stand, war man Täter oder Opfer.


Das ist die Wahrheit, die Aufarbeitung schwer macht. Und die sie notwendig macht.

Ich glaube nicht, dass diese Geschichte erzählt werden muss um irgendjemandem Schuld zu geben. Die Menschen die damals handelten und lieferten und profitierten sind seit Generationen tot. Ihre Nachkommen tragen keine persönliche Schuld.


Aber eine ehrliche Erinnerungskultur — eine die wirklich heilt statt nur zu gedenken — braucht die vollständige Geschichte. Nicht die Version, die politisch nützlich ist. Nicht die Version, die emotionale Befriedigung gibt. Sondern die Version, die wahr ist.


Cape Coast Castle und auch im besonderen, Anamabo Fort stehen für das Grauen des transatlantischen Sklavenhandels. Das weiße Gemäuer, die dunklen Dungeons, die enge Tür zum Meer — das ist real und muss erinnert werden. Aber vor diesen Mauern — auf der ghanaischen Seite, nicht der europäischen — standen Händler, Chiefs, Vermittler, die Menschen zu dieser Tür gebracht haben.


Auch ihr Name verdient Erinnerung.


Auch ihre Rolle verdient Wahrheit.


Was bleibt wenn man ehrlich hinschaut


Ich stehe jedes Mal anders vor Cape Coast Castle, je mehr ich über diese Geschichte weiß. Nicht mit weniger Erschütterung — eher mit mehr. Weil die Komplexität der Realität erschütternder ist als jede einfache Erzählung.


Ein System das funktionierte weil so viele mitmachten. Europäische Kaufleute, europäische Könige, europäische Kirchen. Und gleichzeitig: afrikanische Chiefs, afrikanische Könige, afrikanische Händler. Alle fanden Wege, ihr Tun zu rechtfertigen. Alle haben Kapital daraus geschlagen. Alle haben mitgebaut an einem System das Millionen von Menschen das Leben zerstört hat.

Das ist keine Gleichsetzung der Verantwortung.


Die europäischen Kolonialmächte trugen die Hauptverantwortung für den Aufbau und die Aufrechterhaltung des atlantischen Sklavenhandelssystems. Aber Verantwortung war verteilt. Und eine Geschichte die das verschweigt, macht niemanden freier.

Die Door of No Return steht noch. Und diesmal schaue ich auch auf die Seite zurück, von der die Menschen kamen.


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